"Kleine Zeitung" Kommentar: "Frage an die Pazifisten: Wenn kein Krieg ist, ist dann Friede?" (von Hubert Patterer) Ausgabe vom 22.03.2003

Graz (OTS) - Es wird ein Weltfest der Gesinnungsethik: Millionen erheben an diesem Wochenende ihre Stimme für den Frieden und gegen den Krieg. Eine Massenmobilmachung des Gefühls und der Friedenssehnsucht bricht sich Bahn, getragen von einem bunten Biotop aus Linken und Rechten, Gläubigen und Atheisten, Antifaschisten und Antisemiten, Alt-68ern und Unterstuflern. Was sie eint, ist der gemeinsame Adressat ihres emphatischen Zorns: das hoffärtige Amerika des George Bush.

Auf der Gefühlsebene kann man sich dieser Manifestation der Friedensliebe schwer entziehen. Für den Frieden einzutreten und gegen Gewalt ist Bürger- und Christenpflicht. Wer würde nicht einstimmen wollen in die Choräle gegen "das Unrecht des Stärkeren" (Grass) und seines religiös aufgemotzten Waffengangs?

Und dennoch lohnt ein nüchterner Blick auf die Banner und ihre Imperative: "Stoppt das Morden im Irak!" steht da und: "Stoppt den Krieg!" und immer wieder, in allen Sprachen, der Lieblings-Refrain:
"Stoppt Bush!". Auf keinem einzigen der Transparente ist zu lesen:
"Stoppt Saddam!". Der Massenmörder bleibt ausgeblendet.

Das macht stutzig.

Und noch ein ketzerischer Einwand muss gegen die Gefühlswoge in Stellung gebracht werden: Wenn man Bush stoppt (und Saddam nicht), herrscht dann der ersehnte Friede? Und sieht das das unterjochte, giftgasgepeinigte Volk der Kurden und Schiiten im Irak auch so, für dessen Leid sich die Friedensbewegten noch nie bewegten?

Wir finden ihre Antwort auf den bunten Plakaten: "Krieg ist keine Lösung". Auch dieser Pazifismus-Klassiker ist, geschichtlich betrachtet, ein romantischer Unfug. Natürlich: Krieg ist immer hässlich, weil jeder Krieg Opfer fordert, zuerst die Wahrheit, dann Menschenleben. Aber es gibt eben historische Beispiele das gewaltsam herbeigeführte Ende der braunen Barbarei oder der Luftangriff auf Serbien , wo sich die Anwendung von Gewalt retrospektiv als gerechtfertigt erwies, weil das Leid, das durch den Gewalteinsatz zugefügt wurde, letztlich weniger monströs war als das Leid, das durch den Gewaltverzicht perpetuiert worden wäre.

Ob das auch im Irak-Konflikt der Fall ist, ist die entscheidende Frage. Während sie Bush und Blair mit schwacher Beweisführung bejahen, stellt sie die Friedensbewegung nicht einmal.

Noch ist sie moralisch im Recht. Es könnte aber sein, dass sie später einmal ihr Bewusstsein umprogrammieren muss.

Ein gültiges Urteil kann heute niemand sprechen. ****

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