"Vorarlberger Nachrichten" Kommentar: "Tyrannenmord" (von Kurt Horwitz)

Ausgabe vom 22.03.2003

Schwarzach (OTS) - Keine Frage: Die weltweiten Proteste, die Empörung, die Demonstrationen gegen den Irak-Krieg sind berechtigt. Die Amerikaner spielen sich zum Weltpolizisten auf, ohne mit einem UN-Mandat den notwendigen Dienstausweis in der Hand zu haben. Zudem ist die Vermutung nicht von der Hand zu weisen, dass es um mehr geht als um den Kampf gegen Terror.

Es geht auch um die Herrschaft über die dortigen Ölquellen und um späte Rache für die Versäumnisse, die dem Vater des jetzigen US-Präsidenten im ersten Golfkrieg vor zwölf Jahren passiert sind. Damals, also nach dem Einmarsch der Iraker in Kuwait, hätte Saddam Hussein gefasst und abgeurteilt werden müssen - nicht erst jetzt, da er sich scheinbar einigermaßen zivilisiert verhält. George Bush senior hat das verabsäumt, sein Sohn holt es jetzt nach und will nach alter Westerntradition Polizist, Richter und Henker in einer Person sein.

Aber wo waren denn seinerzeit die Leitartikler der großen Massenmedien, die weltweiten Proteste und die empörten Demonstranten, als Saddam Hussein in Kuwait einmarschierte, als er zigtausende Menschen mit Giftgasangriffen töten ließ und sich auf diese Weise seinen Ruf als Schlächter von Bagdad erwarb? Da hat die Weltöffentlichkeit geschwiegen, wie sie auch geschwiegen hat, als die Taliban in Afghanistan ihr Schreckensregime errichtet hatten, als die Russen in Tschetschenien Gräueltaten vollbrachten, als tschetschenische Rebellen in Moskau ein Theater überfielen oder als auf dem Balkan Massenmord und ethnische Säuberungen auf dem Programm standen.

Bleiben wir in unserer kleinen Welt: Wer heute in Österreicher die Amerikaner für ihren Angriff auf den Irak geißelt, darf sich allgemeinen Beifalls gewiss sein. Aber gleichzeitig präsentiert ein Mann wie Jörg Haider im Blitzlicht dutzender Fotografen und unter verständnisvollem Lächeln der politischen Beobachter ein Buch über seinen Besuch bei Saddam Hussein (oder zumindest bei einem seiner Doppelgänger) und preist die menschlichen Züge des Massenmörders. Da wendet sich niemand mit Grausen ab, da überlegt kaum jemand, dass eben dieser Jörg Haider immerhin Landeshauptmann von Kärnten ist und ihm fast der Sprung in eine bundespolitische Spitzenposition gelungen wäre. Eine erschreckende Vorstellung.

Liegt diese Verzerrung der politischen Wahrnehmung vielleicht daran, dass Massenmord per Giftgas nun einmal stiller vor sich geht als der Versuch, einen Tyrannen mit Bomben und Marschflugkörpern zu töten? Die Amerikaner sind wenigstens ehrlich. Sie sagen und zeigen ganz offen, dass sie Saddam Hussein umbringen wollen, wie auch er bereits tausendfachen Tod auf seinem Gewissen hat.

Wir landen damit zwangsläufig bei der ungelösten philosophischen und moraltheologischen Frage nach der Berechtigung des Tyrannenmords. Tyrannen dürfen alles oder sie fragen jedenfalls nicht. Wer ihnen Einhalt gebieten will, braucht hingegen das Urteil eines ordentlichen Gerichts bis hinauf zu einem Beschluss des Weltsicherheitsrats. Das ist auch gut so und wichtig, weil sonst sehr schnell sehr viele selbsternannte Weltpolizisten Ordnungsmacht spielen, aber nur ihre Eigeninteressen verfolgen würden.
Was jedoch, wenn tatsächlich ein Weltpolizist gebraucht wird, aber niemand anderer als Amerika diese undankbare Rolle übernehmen kann oder will? Wenn dann tatsächlich, wie wir es gerade im Irak erleben, wirtschaftliche US-Eigeninteressen und ein offensichtlich sehr vielschichtiges Vater-Sohn-Verhältnis im Weißen Haus mitspielen, fällt es schon sehr schwer, die Militäraktion der Amerikaner gut zu heißen oder wenigstens zu akzeptieren.

Erschwerend kommt hinzu, dass mit dem Tod des Tyrannen im Nahen Osten noch lange kein Frieden eingekehrt sein wird. Niemand weiß, wie es dort weiter gehen wird. Die Amerikaner haben mit den von ihnen eingesetzten Marionettenregierungen bisher selten eine gute Hand bewiesen, weder in Südamerika noch im Nahen Osten.
Sicher ist nur eines: Wenn es den US-Truppen gelingt, Saddam Husseins Schreckensherrschaft mit einem Minimum an Verlusten unter der Zivilbevölkerung zu beenden, wenn sie vielleicht auch noch im Irak tatsächlich vorhandene oder von den Geheimdiensten im Zuge der Kriegsführung vorsorglich mitgebrachte Massenvernichtungswaffen finden, wird Bush auch von jenen Beifall ernten, die ihn jetzt verdammen. Bleibt ihm dieser Erfolg versagt, werden sich jene bestätigt fühlen, die derzeit gegen ihn demonstrieren.
Entscheiden werden über diese Einschätzung Kriegsglück und Öffentlichkeitsarbeit, nicht die politische Moral. Ginge es allein nach dieser, müsste Saddam Hussein längst wegen Massenmordes im Gefängnis sitzen.

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