"Kleine Zeitung" Kommentar: "Was ist, wenn Bush keinen Blitzsieg im Blitzkrieg erringt?" (von Erwin Zankel)

Ausgabe vom 21.03.2003

Graz (OTS) - Wer die Nacht über nicht wach bleiben wollte, konnte beim Frühstück auf allen Fernsehkanälen den Blick ins Weiße Haus nachvollziehen. Wäre der Anlass nicht so schrecklich, man hätte sich von der friedlichen Szene täuschen lassen: George Bush saß mit ineinander gefalteten Händen an seinem Schreibtisch im Oval Office, an der Seite die Flagge der Vereinigten Staaten von Amerika, im Hintergrund Fotos von Frau und Töchtern.

Mit sanfter Stimme verkündete der Präsident das unerbittliche Urteil. Das Ultimatum an Saddam Hussein sei abgelaufen und der Waffengang unvermeidlich: "Dies wird kein halbherziger Feldzug. Wir werden als Ergebnis nur den Sieg akzeptieren."

In dieser Doppelrolle des Predigers und Cowboys hat die Welt Bush kennen gelernt. Das eine Gesicht zeigt einen von Sendungsbewusstsein getriebenen Politiker, der durch die Gnade der religiösen Wiedergeburt den Auftrag erhalten hat, das Jüngste Gericht auf Erden abzuhalten und die Welt in das Reich der Guten und die Achse des Bösen einzuteilen. Das zweite Gesicht zeigt den Machtmenschen, der entschlossen auf das Ziel hinsteuert und auch vor Gewalt nicht zurückschreckt, um seine Interessen durchzusetzen.

Die Person und ihre Botschaft polarisieren: Wenn Bush von Frieden und Freiheit spricht, denken manche an Dollar und Erdöl. Es ist das moralisierende Pathos, das nicht nur skeptische Europäer misstrauisch macht. Es besteht kein Zweifel, dass Saddam ein politischer Gangster und ein blutiger Diktator ist, aber musste deshalb der Krieg begonnen werden, ohne den UN-Waffeninspektoren noch einmal Zeit zu geben, ihre Arbeit zu beenden?

Ein Zurück gibt es nicht. Die Militärmaschine läuft. Sie wird Saddam und sein Regime überrollen. Wie lange es dauern wird, wissen wahrscheinlich nicht einmal die Generäle des Pentagon. Dass der erste Enthauptungsschlag missglückte, sollte eine Warnung sein. Die Waffen, die klinisch sauber nur den Schurken in seinem Palast treffen und die Unschuldigen verschonen, funktionieren nur in der Propaganda.

Auch wenn Bush die Amerikaner darauf einstimmte, dass es kein Blitzkrieg werden könnte, braucht er einen Blitzsieg. In der Politik ist nichts erfolgreicher als ein Erfolg, vor allem ein rascher Erfolg. Sollte es viele Opfer geben und sich Saddams Ende hinziehen, wird Bush einen Vielfrontenkrieg um die Autorität der Führungsmacht durchstehen müssen.

Auf seinen Schultern lastet eine gewaltige Verantwortung. ****

Rückfragen & Kontakt:

Kleine Zeitung
Redaktionssekretariat
Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047
redaktion@kleinezeitung.at
http://www.kleinezeitung.at

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PKZ0001