"Die Presse" Kommentar "Wer ist am Ende der Blamierte?" (von Andreas Unterberger)

Ausgabe vom 21.3.2003

Wien (OTS) - Der Ausbruch der Kampfhandlungen am Golf bedrückt, erregt, erzürnt. Die Menschen haben viele Fragen, auf die sie keine ausreichende Antwort bekommen.
Unklar ist freilich auch, warum all jene, die jetzt demonstrieren, nicht auch aktiv geworden sind, als Iraks Diktator weit mehr Menschen getötet hat, als der nunmehrige Krieg nach allen Schätzungen maximal fordern wird. Als er zwei Eroberungskriege geführt, Giftangriffe gegen eigene Städte befohlen, Oppositionelle gefoltert hat.
So sehr man einäugigen Friedensdemonstranten und Buchschreibern à la Jörg Haider diese Fragen stellen muss, sowenig kann man den auf dem zweiten Auge blinden Amerikanern eine andere ersparen: Wo sind die Beweise einer unmittelbaren Drohung aus dem Irak, die den Angriff rechtfertigen würden? Oder will Amerika die Schwelle zum Krieg wieder leichter überschreitbar machen, als es das gegenwärtige Völkerrecht tut?
Gewiss: Massenvernichtungswaffen machen es viel gefährlicher als einst, auf unmittelbare Beweise eines drohenden Angriffs zu warten. Denn allzu leicht kann es für Gegenmaßnahmen zu spät sein. Dennoch ist klar: Nach dem rechtlichen Konsens der letzten Jahre kommt das Verhalten George W. Bushs einem Kriegsverbrechen sehr nahe.
Amerika hat nur ein Mittel, diesen Vorwurf widerlegen zu können: Wenn tatsächlich chemische oder andere Massenvernichtungswaffen gefunden werden - oder wenn Irak diese gar einsetzt. Dann wären die nach mehr als zehn Jahren noch immer über die Wirkung von Inspektionen schwärmenden Länder blamiert. Ansonsten ist dies jedoch Amerika.

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