ÖSTERREICHER IM MEXIKANISCHEN EXIL Neues Buch des Dokumentationsarchivs im Hohen Haus vorgestellt

Wien (PK) - Der Zweite Präsident des Nationalrates Heinz Fischer stellte heute den Band "Österreicher im Exil - Mexiko 1938-1947", der vom Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes herausgegeben wurde, im Hohen Haus vor. An der Präsentation nahm ein ebenso zahlreiches wie prominentes Publikum teil. Für die musikalische Umrahmung sorgten Stücke des mexikanischen
Komponisten Silvestre Revueltas.

Fischer erinnerte in seiner Rede daran, dass Mexiko morgen vor 65 Jahren ein Zeichen setzte, für welches Österreich heute noch dankbar sei und auch in Zukunft bleiben werde. Der Protest gegen
den so genannten Anschluss sei damals ein Lichtblick gewesen, ein Datum, das für Österreich bleibenden Wert habe.

Es sei schön, so Präsident Fischer weiter, ein politisches Gedenken mit persönlicher Dankbarkeit verbinden zu können. Damit würden auch die österreichisch-mexikanischen Beziehungen weiter vertieft, zeigte sich Fischer überzeugt, der auch auf die in der Säulenhalle zu besichtigende Fotoausstellung zum Thema hinwies.

Patricia Espinosa Cantellano, die Botschafterin Mexikos, bedankte sich in ihrer Stellungnahme für das große Interesse, das in
diesem feierlichen Rahmen die Bedeutung des Themas unterstreiche. Die Protestnote Mexikos anno 1938 spiegelte das Interesse wider,
das Österreich in Mexiko hatte. Es gebe zahlreiche Beispiele für eine Zusammenarbeit zwischen Österreichern und Mexikanern,
betonte Cantellano, die u.a. die Kooperation zwischen Fred
Zinneman und Silvestre Revueltas als Beispiel nannte. Für Mexikos Außenpolitik sei das Selbstbestimmungsrecht der Völker stets Richtschnur gewesen, sagte die Botschafterin abschließend, die
auf den Bund tiefer Freundschaft und den gegenseitigen Respekt,
der die beiden Völker verbinde, verwies.

Nach erläuternden Bemerkungen des Rektors der Wiener Universität, Georg Winckler, sprach der Leiter des DÖW, Wolfgang Neugebauer,
zum Buch. Er bedankte sich bei allen an dem Projekt Beteiligten,
so den MitarbeiterInnen, Archiven und Geldgebern. Mexiko habe
1938 nicht nur einen formalen Akt des Protests gesetzt, es habe
auch tatkräftig geholfen, zahlreiche Österreicher aufgenommen und ihnen ein Betätigungsfeld geboten. Mit dieser Haltung sei Mexiko ein internationales Vorbild gewesen, unterstrich Neugebauer. Abgerundet wurde die Präsentation durch den Architekten und Zeitzeugen Oscar Römer.

MEXIKO ALS EXILLAND

Unerwartet, ja für viele überraschend, erhob Mexiko am 19. März 1938 Protest gegen das Verschwinden der Republik Österreich aus
der internationalen Staatengemeinschaft. Sieht man von der Sowjetunion ab, war dies der einzige Akt der Solidarität eines Landes mit Österreich, das wenige Tage zuvor von der Deutschen Wehrmacht okkupiert worden war. Mexikos Tat - für welche sich
Wien später mit der Benennung einer Verkehrsfläche im zweiten Gemeindebezirk revanchieren sollte - war umso bemerkenswerter,
als zwischen Mexiko und Österreich vor dem März 1938 kaum bilaterale Beziehungen bestanden hatten, ja die Regierungen der beiden Staaten sich ideologisch einander völlig entgegengesetzt positioniert hatten.

Nachdem in Mexiko 1910 die Diktatur von Porfirio Diaz gestürzt worden war, begann eine Reihe gewalttätiger Auseinandersetzungen, die spätestens Ende 1912, Anfang 1913 in die mexikanische Revolution mündeten, in der sich Bauernführer wie Emiliano Zapata und Francisco "Pancho" Villa einen Namen machten. 1917
vereinigten sich die diversen revolutionären Strömungen zu einer Partei, die ab 1930 als "Partido Revolucionario Institucional"
(PRI) die Geschicke des Landes lenkte. Gemeinsam war den
Politikern der PRI ein strikter Laizismus, der Wunsch nach einer Bodenreform und die Einsicht in eine staatliche Lenkung der Wirtschaft zur nachhaltigen Verbesserung der sozialen Lage der Bevölkerung. Diese Politik gipfelte 1934 in der Präsidentschaft von Lazaro Cardenas, der die Schlüsselindustrien (so u.a. die in amerikanischem Besitz befindliche Ölindustrie) und die Infrastruktureinrichtungen verstaatlichen ließ. Unter Cardenas wurde Mexiko ein Dorado für zahllose Flüchtlinge aus Europa, die in Mexiko Zuflucht vor der nationalsozialistischen Tyrannei
fanden. Eine wichtige Rolle bei der Betreuung dieser Flüchtlinge spielte das prominente Maler-Ehepaar Diego Rivera und Frida
Kahlo. Bis 1945 kamen so Anna Seghers, André Breton, Ernst
Toller, Egon Erwin Kisch aber auch Leo Trotzki nach Mexiko, um
hier auf eine Wende in Europa zu warten.

In Österreichs Arbeiterbewegung war Mexiko schon vor 1938
populär. Bruno Kreisky erinnerte sich an die Aufführung des Streifens "Viva Villa" von Howard Hawks, den die in die
Illegalität gedrängte Sozialdemokratie zu spontanen Sympathiekundgebungen im Kinosaal genutzt hatte. In Mexiko selbst genossen zahlreiche Österreicher, so Sigmund Freud, Alfred Adler, Stefan Zweig und Hans Kelsen, große Verehrung, und ihre Werke wurden demgemäß eifrig rezipiert. Auf die Fürsprache Kahlos, Riveras und des Komponisten Silvestre Revueltas liess Cardenas zahlreichen Österreichern Visa für Mexiko erteilen, wobei Franz Werfel der bedeutendste war. Begünstigt wurde diese Politik auch vom mexikanischen Bildungsminister José Vasconcelos, der in den 20er Jahren in Wien gelebt und sich hier für die Errungenschaften des "Roten Wien" begeistert hatte. Unter seiner Ministerschaft wurden in Mexiko über 1.000 Schulen neu eröffnet, Gratisschulbücher ausgegeben, an die 700 Volksbibliotheken geschaffen und Volksausgaben griechischer und lateinischer
Klassiker zu einem symbolischen Verkaufspreis an die Bevölkerung abgegeben.

Bemerkenswert aber auch die Haltung des mexikanischen
Botschafters in Frankreich, Gilberto Bosques, der so lange Visa
für von den Nationalsozialisten Verfolgte ausstellte, bis er nach der militärischen Niederlage Frankreichs selbst von der Gestapo verhaftet wurde und zwei Jahre in deutscher Haft zubringen
musste, ehe er im Rahmen eines Gefangenenaustausches nach Mexiko zurückkehren konnte, wo er sich ab 1944 aktiv am politischen und kulturellen Leben der Exilösterreicher beteiligte. Insgesamt
fanden in Mexiko rund 15.000 europäische Juden und mehr als
hundert politisch verfolgte ÖsterreicherInnen Zuflucht.

ÖSTERREICHER IM EXIL

Der Band "Österreicher im Exil - Mexiko 1938-1947" erscheint in einer Reihe, welche das Dokumentationsarchiv seit 1984 herausgibt und in welcher das österreichische Exil grundlegend und umfassend dargelegt wird. Bis dato erschienen u.a. Bände über die Exilländer Belgien, Frankreich, Spanien, Großbritannien und die Sowjetunion, weitere Bände sind in Vorbereitung. In neun Kapiteln (Der mexikanische Protest und seine Vorgeschichte, die Position
des Nationalsozialismus in Mexiko, Flucht aus Europa und Wege
nach Mexiko, Zusammenarbeit zwischen Österreichern und Deutschen, Geschichte der Accion Republicana Austriaca de Mexico, Kulturprogramm der ARAM, Die Union deutscher und österreichischer Sozialisten, Die Legitimisten und die Frei Österreicher Bewegung, Schwierige Rückkehr nach Österreich) und in insgesamt 412 publizierten Dokumenten (amtliche Dokumente, Briefe, Interviewpassagen, Zeitungsartikel) legen die Herausgeber des Bandes, Christian Kloyber und Marcus Patka, alle Facetten des
Exils in Mexiko umfangreich und detailliert dar. Biographische Anmerkungen zu den einzelnen Protagonisten, eine Chronik, Literaturverzeichnisse und ein Register sowie ein reicher Illustrationsteil runden den 720 Seiten starken Band ab.

"Österreicher im Exil - Mexiko 1938-1947" erscheint im Verlag Deuticke und ist zum Preis von 19 Euro im Buchhandel erhältlich. (Schluss)

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