"Tiroler Tageszeitung" - Kommentar: "Bushs Vermessenheit" (Von Floo Weissmann)

Ausgabe vom 19. März 2003

Innsbruck (OTS) - Schwer atmend und mit in Falten gelegter Stirn
hat der amerikanische Präsident der Welt eröffnet, dass der Zeitpunkt des Kriegs gekommen ist. Zweifel an seiner Absicht hatte es schon lange keine mehr gegeben. Klar ist jetzt, dass Bush den Angriff ohne UNO-Mandat befehlen wird und damit das Völkerrecht bricht. Er persönlich nimmt sich das Recht, über Leben und Tod von Tausenden zu entscheiden, über die Zukunft der Weltorganisation und des Nahen Ostens.
Bushs Plädoyer zur besten Sendezeit zementierte die Rücksichtslosigkeit der US-Außenpolitik seit seinem Amtsantritt, die zur Spaltung des Westens geführt hat. Konsequent setzt er amerikanische Interessen mit jenen der Welt gleich. Die Öffentlichkeit in den USA, die ihr Land als Modell begreift, glaubt das gern. Dem Großteil der übrigen 95,5 Prozent der Weltbevölkerung bleiben Empörung und Beklommenheit. Wo findetBushs Missionsheer den nächsten Auftrag?
Hartnäckig verschleiert der US-Präsident vor seinem Volk die folgenschwerste Selbstisolation des Landes seit Jahrzehnten. Er beklagt die Vetodrohung Frankreichs, sagt aber nicht, dass die überwältigende Mehrheit in der UNO diesen Krieg zu diesem Zeitpunkt nicht wollte. Die "breite Koalition", die Bush in seiner Rede versprach, steht nicht auf US-Seite, sondern gegenüber.
Erneut stellte er die Terrorgefahr als zwingenden Kriegsgrund dar, und wie zur Bekräftigung setzte sein Heimatschutzminister die Warnstufe auf "Orange". Dabei hat Bushs eigener Geheimdienst klar gestellt, dass Saddam nicht mit der El-Kaida kooperiert.
Der US-Präsident täuscht die Amerikaner auch, wenn er behauptet, es handle sich nicht um eine Frage der Berechtigung, sondern des Willens. Ein Grundsatz für das friedliche Zusammenleben von Menschen und Völkern besteht gerade darin, dass eben nicht jeder tun kann, was er will. Selbst die New York Times, die gewiss nicht als antiamerikanisch gelten kann, warf dem Präsidenten Vermessenheit vor.

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