DER STANDARD-Kommentar: "Kunst schlägt Sport" (von Gerfried Sperl) - Erscheinungstag 15.3.2003

Bringt’s die Kultur? Zur aktuellen Debatte um Investitionen in die Zukunft

Wien (OTS) - Bevor Graz Kulturhauptstadt wurde, setzte die steirische Hauptstadt eine Weichenstellung durch: keine Bewerbung um Olympische Spiele, keine Beteiligung an der Fußball-Europameisterschaft. Stattdessen eine ganz andere Infrastruktur - eine riesige Stadthalle, ein Kunsthaus, woran sich später eine Halle für den steirischen herbst und die Acconci-Insel in der Mur hinzufügten.

Eben fand in Salzburg eine ähnliche Debatte statt. Soll man das Hollein-Museum bauen oder dieses Geld in Olympische Winterspiele stecken, die ohnehin eher Kitzbühel nützen als der Mozartstadt. Die 2006 den Genius Loci zu feiern hat. Zunächst einmal hat der Sport gesiegt.

Auch in Wien flammt immer wieder dieser Diskurs auf, weil kurzsichtige Politiker glauben, sie würden damit bei den Wählermassen punkten. Die weitsichtigeren gewinnen vorläufig. Gerade die gestrige Eröffnung der neuen Albertina signalisiert, dass Wien eine der wenigen Metropolen ist, wo Kultur überhaupt noch inszeniert werden kann. Als Architektur, als Kunstevent - als Publikumsmagnet. Die Ergebnisse des Wien-Tourismus sprechen eine klare Sprache. Nur die Kultur bringt der Stadt das Geld, der Sport ist eine Nebensache. Man braucht ihn zur Abrundung.

Trotzdem werden die Sorgen nicht kleiner. Beim "Zentraleuropagespräch" von Standard und Süddeutscher Zeitung in Graz hat der Salzburger Festspielintendant Peter Ruzicka Kritik am wachsenden Quotendenken geübt, und daran, dass es wenig Chancen gebe, das Übergreifen vom Fernsehen auf Oper und Schauspiel zu verhindern. Dass der ORF hier seine öffentlich-rechtliche Aufgabe sträflich vernachlässigt, hat im Herbst in einem Standard- Interview auch Burgtheater- Direktor Klaus Bachler bitter angemerkt. Der ORF verharrt in einer Berichtsposition. Initiativen wie die Übertragung von Harnoncourts Salzburger Lehrstunde oder der Zauberflöte mit Kinderpublikum aus der Staatsoper wären Ansätze, wie man TV-freundliche Formate entwickeln könnte. Gemeinsam.

Der zweite Trend: Im finanziell schlankeren Staat wächst für ausgegliederte Museen und Theater der Bedarf an Drittmitteln -Sponsorengelder neben Subventionen und Erlösen aus dem Kartenverkauf. Nestlé und Audi, zwei der großen Player im inter-

nationalen Kultursponsoring, besitzen derzeit noch keine Medienunternehmen. Im Wiener Kontext schaut das anders aus. Raiffeisen, neben dem Engagement im Skisport (Hermann Maier) zunehmend an Kunst interessiert, ist gleichzeitig ein Medienkonzern. Die neue Albertina präsentiert sich in ihren Eröffnungstagen bereits als Teil des Raiffeisen- Imperiums. Das bleibt nicht ohne Auswirkungen auf die Autonomie der Kulturkritik. Selbst wenn es keine direkten Weisungen an die Redaktionen gibt, erhebt sich doch die Frage, wie groß die Schere im Kopf der verantwortlichen Medienmacher einmal sein wird. Kein leichter Job.

In der Monarchie konnte kaum etwas aufgeführt werden, was nicht die Billigung des Kaiserhauses hatte. Und die großen Spielstätten wurden ohnehin aus der Schatulle der Habsburger finanziert. Nach dem Zweiten Weltkrieg trat der Staat an die Stelle der alten Kunstmäzene. In Österreich entstand eine Art subventionierter Kulturliberalismus. Diese 50-jährige Epoche geht langsam zu Ende, Rufe nach einer Privatisierung der Bundestheater hat es schon gegeben. Allein, ein Steuersystem, das amerikanische Verhältnisse erlauben würde, ist nicht in Sicht.

Bis dahin wird der Staat der wichtigste Financier österreichischer Kunst und Kultur bleiben. Wenn auf Regierungsebene Verständigung darüber herrscht, dass Bildung, Kunst und Forschung die wichtigsten Motoren eines künftigen Aufschwungs sind, werden zwar weiter Fußball-stadien gebaut, aber es wird der Kulturauftrag nicht der sportlichen Unterhaltung geopfert.

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