"Tiroler Tageszeitung" - Kommentar: "Krieg statt Politik" (Von Claus Reitan)

Ausgabe vom 15. März 2003

Innsbruck (OTS) - Alle wollen vermeiden, was jeder erwartet: Einen militärischen Schlag der US-Streitmacht gegen den Irak. Ein Abzug der schlagkräftigsten Armee aller Zeiten, ohne eine Kanone abgefeuert oder Diktator Saddam Hussein in die Knie gezwungen zu haben, scheidet als Demütigung der Weltmacht USA aus. Für den schusslosen Abzug der US-Armee hätte Bagdad, etwa mit der Auslieferung von Saddam Hussein, einen dort nicht durchsetzbaren hohen Preis zu bezahlen. Zwar hat der Irak in zwei Wochen 58 plötzlich gefundene Al-Samoud-2-Raketen zerstört, aber das ist eine lächerliche Antwort in einer dramatischen Situation.
Der Feldzug der Bush-Administration gegen Saddam Hussein ist für die USA eine nationale Angelegenheit, weil es um ihre Sicherheit geht. Die Regierungschefs der meisten EU-Staaten, welche die USA an eine zweite UN-Resolution binden wollen, folgen ihrem eigenen Kalkül und übersehen vieles.
Gerechnet ab dem ersten Golfkrieg geht es um die siebzehnte UN-Resolution an die Adresse Bagdads. Das Bombardement Belgrads haben sie ohne UN-Resolution dankbar gebilligt. Der politische Gegner heißt Saddam Hussein. Die USA hingegen sind der politische Verbündete in Sachen Demokratie, Menschenrechte, Freiheit, Marktwirtschaft und Rechtsstaat.
Dennoch: Diktatoren wie Saddam Hussein sind ein großes Problem, aber die Art, wie US-Präsident Bush es lösen will, könnte ein noch größeres schaffen.
Ein gegnerisches Regime aus dem Amt zu bomben, gilt als politisches Tabu und ist gegen das Völkerrecht.
Ein lokaler militärischer Schlag kann einen regionalen Flächenbrand mit globalen Kettenreaktionen und unabsehbaren Folgen auslösen. Wenn die USA auf die UN-Erlaubnis zum Zuschlagen verzichten, werden sie auf UN-Friedensappelle erst recht nicht hören. Dies ergäbe das faktische Ende der Vereinten Nationen als Ordnungsfaktor der Welt. Und wenn eine breite Weltöffentlichkeit einen drohenden Krieg ablehnt, wird sie einen tatsächlichen nicht plötzlich gutheißen und der Weltmacht USA umgehend als Friedensmacht die gepanzerte Faust küssen. Die Probleme dieser Welt verlangen nach Politik, nicht nach Krieg, auch wenn einer am Golf nahezu unvermeidbar erscheint.

Rückfragen & Kontakt:

Tiroler Tageszeitung, Chefredaktion - Tel.: 05 04 03/ DW 601

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PTT0001