"Die Presse" - Kommentar: "Die neue Weltunordnung" von Andreas Unterberger

Ausgabe vom 15.3.2003

Wien (OTS) - Die Welt steuert auf eine neue Weltordnung zu. Die allernächsten Tage werden deren Gestalt prägen. Die Perspektiven sind freilich wenig ermutigend, dass die neue Ordnung auch diese Bezeichnung verdient. Weder eine Pax americana noch ein Chaos nach UN-Art sind erstrebenswert.
Die erste, immer wahrscheinlicher werdende Variante ist ein Alleingang der Amerikaner. Niemand glaubt noch, dass eine Supermacht von deren Stärke, Größe und Selbstbewusstsein einen solchen Milliarden-Aufwand zunichte macht, nur weil es Russlands und Frankreichs UN-Botschafter so wollen. Wer schafft eine Viertelmillion Soldaten samt teurer Ausrüstung rund um den Globus, nur um sie dann wieder abzuziehen oder so lange in der Wüste zu lassen, bis die Hitze jede Aktion unmöglich macht?
Amerikas Chancen stehen gut, den Krieg gegen Irak rasch zu gewinnen. Zwar ist es eine Illusion, der Tod Unschuldiger auszuschließen. Verglichen mit jenen Opferzahlen, die derzeit UN-Sanktionen und vor allem Saddams Repression, Misswirtschaft und Ausbeutung fordern, dürfte ein Krieg die irakischen Leiden reduzieren. Und Schrecken ohne Ende mit Schrecken beenden.
Das Problem mit den Amerikanern ist ein anderes. Mittel- und langfristig haben sie nämlich so gut wie keine Chancen: Es kann ihnen nicht gelingen, ein Protektorat zu errichten, das von den Irakis (bei aller Ablehnung Saddams) auch akzeptiert würde. Es ist so gut wie sicher, dass der Terror zunehmen wird. Die Konfrontation zwischen Amerika und der islamischen Welt dürfte noch eskalieren.Auch im Rest des Globus wird amerikanisches Welt-Sheriff-Gehabe auf sehr geringe Akzeptanz stoßen. Obwohl unbestreitbar ist, dass Amerikas Truppen die relativ humanste und disziplinierteste Sieger- und Kolonialmacht der Geschichte waren, so ist doch sicher, dass uneingeschränkte und dauernde Dominanz auch das Verhalten der Amerikaner im Großen wie im Kleinen sehr hässlich und egoistisch macht.
Die Alternative ist ebenso wenig attraktiv. Eine UN-Weltordnung hat weder mit Ordnung noch mit Frieden noch mit Stabilität zu tun. Ginge es nach den UN-Regeln, würden heute noch die Serben im Kosovo die Albaner terrorisieren und in Belgrad ein gewisser Milosevic regieren (als Folge des russischen Vetos gegen die Kosovo-Intervention), bliebe der Völkermord in Tschetschenien russische Privatangelegenheit, würde sich kein Mensch darum scheren, dass Saddam sämtliche Resolutionen und Inspektoren des UN-Sicherheitsrats ignoriert (erst die UN-widrige Kriegsdrohung hat ihn beeinflusst), wäre für jedes Vorgehen gegen kleine und große Saddams vorab zu klären, ob das anderen Völkerrechtsverletzern in Peking oder Moskau, Geschäftemachern in Paris oder Wahlkämpfern in Berlin recht ist. Manche nennen das Alles Völker"recht".
Die UNO hat weder Weise oder Richter, die dem Recht verpflichtet dieses sprechen, noch hat sie Schergen, die deren Erkenntnisse in die Realität umsetzen. Eine Garantie für Unrecht und Chaos. Die USA ist ebenfalls weder Weiser noch Richter, sie hat aber die stärksten Schergen der Welt. Eine Garantie für Unrecht und Doppel-Standards. Manches Mal ist man durchaus froh, dass Österreich nicht wirklich gefragt wird, ob es Variante A oder B bevorzugt.

unterberger@diepresse.com

Weder Amerika noch die UNO sind eine gute Basis einer neuen globalen Stabilität: Unrecht und Chaos werden prolongiert.

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