Rede von Bundespräsident Klestil bei der Wiedereröffnung der Albertina

Wien (OTS) - Rede von Bundespräsident Dr. Thomas Klestil anlässlich der Wiedereröffnung der Albertina am Freitag, dem 14. März 2003, im Festsaal der Wiener Hofburg

Majestät!
Herr Bundeskanzler!
Verehrte Ehren- und Festgäste

Dass der heutige Tag ein Tag des Feierns wird, hat sich im Vorfeld bereits abgezeichnet: Tausende Menschen haben ihr Interesse bekundet, an der Wiedereröffnung der Albertina teilzunehmen; Zeitungen und Zeitschriften haben Sonderbeilagen drucken lassen oder ausführliche Reportagen gebracht; Und auch in Radio und Fernsehen ist es zu einem regelrechten Countdown gekommen. Eines jedenfalls ist in den vergangenen Wochen somit mehr als deutlich geworden: die Wiedereröffnung der Sammlung Albertina ist der Stern unter den vielen kulturellen Veranstaltungen dieses Jahres.

Und ich meine, dass diese besondere Aufmerksamkeit mehr als gerechtfertigt ist, handelt es sich doch um eines der schönsten klassizistischen Palais und um eine der bedeutendsten graphischen Sammlungen, die mit dem heutigen Tag in neuem Glanz erstrahlen. Damit bekommen rund 65.000 Zeichnungen und mehr als eine Million Druckgrafiken ein rundum erneuertes Zuhause. Direktor Albrecht Schröder und sein Team haben hier Großartiges geleistet, sie haben ein modernes Prestigeprojekt geschaffen, das – so bin ich mir sicher – weltweit Beachtung finden wird.

Noch ein Aspekt scheint mir wesentlich, wenn wir versuchen, der besonderen Aufmerksamkeit, die der Albertina zuteil wurde, auf den Grund zu gehen; das ist das Phänomen der Kunstsammlung als solches, das in Österreich auf das Engste mit diesem Haus verbunden ist. Die Sammlung hat – im Vergleich mit einem Museum etwa – eine Dimension, die sie von jeder anderen Form der Kunstvermittlung und der Präsentation von Kunst deutlich unterscheidet.

Dieser Umstand kommt in einer Erzählung des großen österreichischen Romanciers Stefan Zweig mit dem Titel „Die unsichtbare Sammlung“ in fesselnder Weise zum Ausdruck: Zweig schildert darin einen erblindeten Kunstsammler, der weiterhin tagtäglich die wertvollen Blätter seines graphischen Kabinetts zur Hand nimmt und sich an Ihnen erfreut. Was er nicht weiß ist, dass die Kunstwerke von seiner Familie längst verkauft wurden, und er, der Blinde, billige Nachdrucke in Händen hält. In einer nicht alltäglichen, aber tieferen Art und Weise be-greift er das Verhältnis von Kunstwerk und Mensch als grundlegend für unser Dasein.

Diese berührende Geschichte versinnbildlicht in eindrucksvoller Weise, worin der Kern jeder Kunstsammlung und damit gleichsam das Wesen des Sammelns besteht: nämlich in der Leidenschaft des Sammlers, dem unablässigen Drang, den vorhandenen Kunstwerken neue hinzuzufügen und die persönliche und besondere Liebe zum Kunstwerk. Der Sammler bleibt so in der Sammlung gleichsam gegenwärtig und lebendig.

Meine Damen und Herren!

Von der Albertina zu sprechen heißt aber auch, von der enormen Fülle und der unvergleichlichen Bandbreite ihrer Bestände zu sprechen. Neben der im engeren Sinne graphischen Sammlung verfügt sie über eine junge, aber repräsentative Fotosammlung sowie über eine Architektursammlung, die Juwelen von Plänen und Skizzen weltberühmter Bauten aufweist. Und auch der historische Bogen, der durch die Bestände der Albertina abgedeckt wird, ist beeindruckend: „Von Dürer zu Rauschenberg“ hieß eine der Ausstellungen und in diesem Titel spiegelt sich eine 500jährige Tradition des Sammelns wider. Sammeln aber ist nicht nur Tradition, es ist eine Kunstform für sich. Und so ist die Albertina nicht nur eine weltbedeutende Kunst-Sammlung, sie legt gleichzeitig auch Zeugnis von der Kunst des Sammelns selbst ab. k
In diesem Zusammenhang scheint mir ein Aspekt der Sammlung von besonderer Bedeutung: Der Beginn der Sammlertätigkeit Albert von Sachsen-Teschens fällt in eine Zeit, als der erzieherische Aspekt der Kunstbetrachtung in den Vordergrund tritt. Und tatsächlich ist der gleichsam pädagogische Anspruch, der an die Kunst gestellt wird, von Anfang an Teil der Sammlertätigkeit des Prinzen. Was gegen Ende des 18. Jahrhunderts im Geiste der Aufklärung geschah, ist – so meine ich – heute zu Beginn des 21. Jahrhunderts besonders aktuell: dass Kunst keinen gesellschaftlichen Luxus bedeutet, sondern zum Kernbestand jeder verantwortungsvollen humanistischen Erziehung gehört.

Meine Damen und Herren!

Am Ende eines langen Weges, der sehr erfolgreich zurückgelegt wurde, gilt es nicht nur zu feiern, sondern auch Dank zu sagen. Meine Vorredner haben dies bereits getan, aber gerade in Anbetracht der Bedeutung dieser heutigen Wiedereröffnung kann es wohl kaum zuviel des Dankes geben.

Mein Dank gilt Direktor Dr. Klaus-Albrecht Schröder, der dieses – sprechen wir es aus – mutige Projekt im Herzen Wiens und in einem städtebaulich sensiblen Bereich mit großem Engagement und nicht nachlassender Begeisterung, aber auch mit der notwendigen Hartnäckigkeit und Standhaftigkeit begleitet hat.

Mein Dank gilt den Architekten der neu gestalteten Teile des Gebäudes, allen voran Professor Hans Hollein; wesentlich aber auch dem Architektenduo Erich Seinmayr und Friedrich Mascher sowie dem Designer Callum Lumsden und dem Innenarchitekten Arkan Zeytinoglu, die wesentliche Teile der neuen Albertina gestaltet haben.

Mein Dank gilt der Stadt Wien, die das gewagte Vorhaben einer Um- und Neugestaltung der Albertina großzügig finanziell unterstützt hat.

Mein Dank gilt den vielen privaten Sponsoren; von einigen weiß ich sehr genau, dass sie wirklich beachtliche Summen für dieses Projekt zur Verfügung gestellt haben. Ich möchte Ihnen auch dafür danken, dass das Kulturland Österreich sich immer wieder auf sie verlassen kann.

Und schließlich danke ich Ihnen, meine Damen und Herren, stellvertretend für die Millionen von Landsleuten, die durch ihre Steuergelder ebenfalls dazu beigetragen haben, die Sammlung Albertina in ein modernes, besonders attraktives Museum zu verwandeln. Mit recht, so meine ich, können die Österreicherinnen und Österreicher auf das neu entstandene Museum stolz sein, und sie werden diese Institution – gleichermaßen Musentempel wie zeitgenössische Präsentationsplattform für bildende Kunst – mit großer Freude in ihr kulturelles Selbstverständnis integrieren.

Der Sammler, schreibt Walter Benjamin, ist ein Finder von Quellen. Und ich erkenne in diesem sprachlichen Bild die Albertina wieder, die seit ihrer Gründung auch eine besondere Quelle der Inspiration, des Kunstgenusses und der wissenschaftlichen Forschung war. Ich freue mich, dass sie all dies nun wieder in vollem Umfange sein kann, und erkläre die neue Albertina für eröffnet.

Rückfragen & Kontakt:

Österreichische Präsidentschaftskanzlei
Presse und Informationsdienst
Tel.: (++43-1) 53422 230

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | BPK0002