"Die Presse" - Kommentar: "Halbdunkel" von Hans Haider

Ausgabe vom 14.3.2003

Wien (OTS) - Die Farben waren an manchen Wänden noch feucht, als
in der Wiener Albertina am Donnerstag Abend unter königlich-norwegischer Assistenz die Wiedereröffnung zelebriert wurde. Das von seinen Erbauern nie als Grafikdepot gewidmete Palais ist erstmals als Kunsthaus um- und ausgerüstet. Noch wartet ein Stück Außenmauer auf seine Granitbewehrung. Noch darf man sich an den neuen Eingang auf der Bastei ohne Holleins Vordach Marke Kunsttankstelle gewöhnen. Aber beinah alles ist geglückt - nach ganzen neun Schließjahren.
Von einem Tag auf den anderen sind den Bundesmuseen mehrere Tausend Quadratmeter Ausstellungsfläche zugewachsen. Sie wollen bespielt werden - was bei Zugnamen auf dem Plakat mitunter mehr Einnahmen an der Kasse bringt als kostet. Freilich schossen schon die Betriebskosten für die Albertina, die sich wie ein Handball zum Fußball aufgeblasen hat, in die Höhe.
In Tagen knapper Budgets, da beispielsweise die große Schauhalle des Museums für angewandte Kunst zumeist leer steht, wird neu zu verhandeln sein, welches Kunstschatzhaus von der Republik wieviel Geld für sein "selbständiges" Wirtschaften bekommt.
Bei allen Vorteilen, die die Ausgliederung, die Vollrechtsfähigkeit gebracht hat: Es zeigt sich, dass die Museumslandschaft wieder Regulative braucht. Damit die Ausstellungsflächen nicht weiter ausufern. Denn auch optimistische Touristik-Experten sagen, dass der Plafond in Wien längst schon erreicht ist.
Die Museen brauchen einen Masterplan, nach dem sie ihre Zukäufe kanalisieren. Ob das Museum für angewandte oder das für Moderne Kunst, ob die Österreichische Galerie Belvedere, ob das Leopold-Museum: Alle kaufen Zeitgenossen. Die Bundeskunstförderung will - eine kluge Reform - die Museumsdirektoren bei den heimische Galerien einkaufen lassen, statt den Kunsthändlern wie bisher Zuschüsse für ihre Geschäftslokale zu zahlen. Für zeitgenössische Kunst rollt gar nicht wenig öffentliches Geld. Die Depots füllen sich. Das Museum für Moderne Kunst hat 95 Prozent seines Kunstguts auf Halde liegen - darunter Material für 6000 Quadratmeter Raum-Installationen.
Die Albertina war ihrer Natur nach "Depot-Museum". Schatzhaus, nicht Schaufenster. Bezeichnetes, bedrucktes Papier muss das Licht scheuen. Sonst vergilbt es, bleichen Linien, Farben aus. Auch Fotos sind gefährdet. Die Albertina wird sich Selbstbeschränkungen auferlegen müssen, trotz der verführerisch schönen und großen Ausstellungssäle.
Erst im jüngsten Jahrzehnt wurden die "Italienischen Zeichnungen" wissenschaftlich bestmöglich katalogisiert. Viele andere Epochen warten noch. Das Fernziel: Dass alle Blätter, Fotos, Architekturzeichnungen digitalisiert sind - und für die schlichte Orientierung nicht mehr mit Händen aus den Mappen genommen werden müssen.
Dieses Service wird dem klassischen Museum nicht den Garaus machen. Das kunstsinnige, kunstsüchtige Publikum sucht die Aura: das altmodische Museum-Museum. Als solches wurde die Albertina trotz viel versteckter Hightech-Installationen erhalten. Auch mit dem Geld von Sponsoren, die in den alten Glanz, die zeitlose Aura investiert haben und nicht in eine Zwölf-auf-ein-Dutzend-Kunsthalle. Die Hülle ist nun in Ordnung gebracht. Jetzt muss das Innenleben im Halbdunkel aufblühen.
Die Wiener Albertina muss ihre alte Aura hüten - trotz einer gelungenen Renovierung.

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