"Die Presse" Kommentar "Bush hat sich vergaloppiert" (von Thomas Vieregge)

Ausgabe vom 12.3.2003

Wien (OTS) - Donald Rumsfeld und seine Mitstreiter werden jenen Augusttag schon verflucht haben, als Colin Powell - als einsamer Rufer - George W. Bush mit Müh und Not dazu überredet hat, die Konfrontation mit Saddam Hussein zunächst nicht auf dem Schlachtfeld auszutragen, sondern über das Forum der UNO. Den Hardlinern im Pentagon, die am liebsten gleich nach den Terrorschlägen des 11. September gegen Bagdad losmarschiert wären, widerstrebte von Anfang an das langwierige Procedere, das diplomatische Ringen um Kompromisse und Resolutionen, kurzum: das politische Ränkespiel, wie es jetzt zu Tage tritt.
Wahrlich, sie trugen nicht dazu bei, für die Sache der USA zu werben. Im Gegenteil: Mit unverhohlener Arroganz und Lust an der Provokation brüskierten Rumsfeld & Co. wichtige europäische Partner. Die martialische Rhetorik richtete innerhalb des westlichen Bündnisses einen verheerenden Flurschaden an: Mit einem Mal steht niemand mehr offen für Washingtons Kriegspläne ein - außer Tony Blair, der sich auf Gedeih und Verderb an George W. Bush gekettet hat. Auf dessen Drängen mühen sich Amerikaner wie Briten um eine zweite Resolution, dabei hätte schon der erste, einstimmig verabschiedete Entschluss eine Militäraktion bei einem Verstoß des Irak sanktioniert.
Aber seit dem Erfolg im Sicherheitsrat im Spätherbst haben die USA höchst ungeschickt agiert. In all den Monaten, die sich der Konflikt nun schon hinzieht, gelang es dem US-Präsidenten nicht, eine kohärente Argumentationslinie für einen Irak-Krieg aufrechtzuerhalten. Mal schoss er sich auf die Massenvernichtungswaffen ein, mal auf die Querverbindungen des Irak zur al-Qaida _ nicht ohne blamable Pannen bei der Beweisführung _ und schließlich auf einen Sturz Saddam Husseins. Doch das Ziel eines Regimewechsels schwebte ohnehin die ganze Zeit über dem Konflikt. Keiner der Gründe taugte in den Augen der Öffentlichkeit allerdings zum Casus belli, zur Rechtfertigung für einen Krieg - Despoten gibt es anderswo auch, und zwar zuhauf, lautet der Tenor.
Die US-Krisendiplomatie hat eklatant versagt: So großmächtig die Vision, so armselig die Strategie. Zum einen haben die Bush-Krieger die Standfestigkeit der Veto-Mächte im Sicherheitsrat und zum anderen die antiamerikanische Stimmung in der Welt krass unterschätzt; selbst islamische Verbündete wie Pakistan und insbesondere die Türkei kamen nicht umhin, den USA in den Rücken zu fallen _ da half nicht einmal der Wink mit den Dollar-Milliarden. Die Bevölkerung stellt sich eindeutig gegen den Einsatz von Gewalt. Dass auch unter Aufbietung massiven Drucks kein Staat zu gewinnen ist, müsste zu denken geben. Im Gegensatz zum ersten Golfkrieg, als im Vorfeld der damalige US-Außenminister James Baker per Shuttle-Diplomatie im Wochentakt durch die Region gejettet ist, um Vertrauen aufzubauen, bleibt Colin Powell zu Hause, um mit druckvoller Telefon-Diplomatie Unterstützung zu sammeln. Seinerzeit galt der General als Gegner eines Marschs auf Bagdad. Aber jetzt scheint es keinen Weg zurück zu geben, der Truppenaufmarsch der US-Armada birgt eine Eigendynamik, die kaum mehr zu stoppen ist. Die Kavallerie im Weißen Haus hat sich in ihrem Kriegsfuror vergaloppiert.

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