"Kleine Zeitung" Kommentar: "Gesundheitssystem als fettes Schwein mit Stummelbeinen?" (Von Carina Kerschbaumer)

Ausgabe vom 28.02.2003

Graz (OTS) - VP und FP üben sich weiter in Feigheit vor
wirklichen Reformen.

Der Aufschrei war programmiert. Fünf Euro für den Besuch eines praktischen Arztes? Welche Zumutung. Welche neuen Selbstbehalte schlussendlich Schwarz-Blau zu den bestehen den auch noch beschließen werden, es wäre nicht mehr als die Fortsetzung des bisherigen Flickwerkes. Nicht mehr als der Versuch, durch eine schnelle Akutbehandlung die Milliardenlöcher der Krankenkassen notdürftig zu stopfen. Nicht mehr als eine kurzfristige Art der Geldbeschaffung auf dem Rücken jener, die das Pech haben, krank zu sein.

Unabhängig davon, ob neue Selbstbehalte zumutbar sind, unabhängig davon, ob Beitragserhöhungen solidarischer wären als die Zusatzbelastung von Kranken: Wenn ÖVP und FPÖ nicht gleichzeitig mit dem Skalpell das derzeitige Finanzierungssystem bearbeiten, sind neue Selbstbehalte nichts als Scheinlösungen. Das österreichische Gesundheitssystem sei fett wie ein Schwein, bei dem man die Stummelbeine nicht mehr sieht, weist der Gesundheitsökonom Christian Köck
gebetsmühlenartig auf Einsparpotenziale hin. Einsparpotenziale in Milliardenhöhe, die aufgrund verschiedenster Leistungsträger, aufgrund eines Dschungels an Finanzierungsströmen ungenützt bleiben.

Ungenützt aufgrund der Feigheit der Politik, Kompetenzen und Trägerschaften von Grund auf zu ändern. Aufgrund der Feigheit, Abteilungen in Kleinstspitälern zu schließen. Aufgrund der jahrelangen zögerlichen Veränderungsbereitschaft, massiv die Spitalsbettendichte zu reduzieren. Mit 6,4 Spitalsbetten pro tausend Einwohner zählt Österreich zur Weltspitze. 25 Prozent der Österreicher marschieren einmal im Jahr ins Spital. Ein Grund, warum wir bei den Gesundheitskosten mit 10,9 Prozent des Bruttoinlandsproduktes in der EU im obersten Bereich liegen. Umgelegt auf jeden Österreicher kostet die Gesundheit 2638 Euro (36.299 S) pro Kopf und Jahr.

Eine Regierung, die den vorhandenen gesundheitspolitischen Finanzierungswildwuchs nicht radikal stutzt, muss scheitern. Denn ohne Radikalstutzung wird jede Beitragserhöhung, jeder
Selbstbehalt nicht mehr bringen als die weitere Verfestigung verkrusteter Strukturen.

Dass Beitragserhöhungen in welcher Form auch immer kommen werden, liegt aber auf der Hand. Der jährliche An stieg des Lebensalters um 0,2 Jahre, der Fortschritt der Medizin müssen zwangsläufig die Kosten in die Höhe treiben. Das wissen alle. Eine Diskussion über fünf Euro Selbstbehalt wirkt angesichts dieser Kostenspirale nur noch lächerlich. ****

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