OFFENER BRIEF - Bekenntnis zur 2-Klassen Medizin!

Wien (OTS) - Im Zuge der heftigen Diskussionen über die mögliche Einführung eines Selbstbehaltes für alle Krankenversicherten meldete sich heute der Präsident der NÖ Ärztekammer, Dr. Lothar Fiedler in einem offenen Brief zu Wort:

"In unserer jahrelangen Diskussion über unser Gesundheitssystem existieren unzählige Diskussionskreise. Seitens der Verantwortlichen wurden dabei jedoch eigentlich nie Ärzte eingebunden. Es werken politisch Verantwortliche mit Ökonomen - und in jener Form, in der sie an die Öffentlichkeit treten, herrscht Unprofessionalität vor.

So kam es zu der völlig missglückten Umsetzung einer möglicherweise sinnvollen Ambulanzgebühr. Alle Verantwortlichen sprechen seit Jahrzehnten von "vernünftigen Selbstbehalten". In Österreich haben wir jedoch bereits eine Fülle von Selbstbehalten - und unsere Patienten haben dies auch schon realisiert. Es ist durch sinnvoll, die vielen - unterschiedlichen - Selbstbehalte zu harmonisieren. Es ist auch richtig, dass manche Steuerungseffekte damit möglich sind. Und es ist besonders richtig, dass Lernprozesse mit einem Selbstbehalt durchaus in Gang gebracht werden können.

Ein genereller Selbstbehalt auf alle Leistungen muss jedoch sozial sein. Schließlich leben wir nach wie vor in einem Sozialstaat. Und ein Selbstbehalt muss für den intra- und extramuralen Bereich gleich hoch sein.

Welchen Wahrheitsgehalt die Schlagzeilen über einen Selbsthalt von 5 Euro je Allgemeinmediziner-Besuch und 10 Euro je Facharztbesuch tatsächlich haben, ist derzeit noch unklar. Trotzdem führt dies bei einem Grossteil unserer Bevölkerung zu starker Verunsicherung -etwas, dass kein verantwortungsvoller Volksvertreter tun sollte.

Wir Ärzte sind bereit Strukturen zu ändern. Wir wissen selber auch sehr gut, wie Strukturflüsse funktionieren. Dass Ärzte bereit sind, konstruktiv zu arbeiten haben sie in einer Reihen von Fällen z. B. Medikamenteneinsparungen bewiesen.

Die Alleinherrschaft der Ökonomen und die teilweise Verantwortungslosigkeit einzelner Politiker in unserem Gesundheitswesen werden wir Ärzte jedoch so nicht mehr länger hinnehmen. Es ist erst wenige Jahre her, da wurden von der damaligen Gesundheitsministerin Kondome auf Krankenschein verlangt. Heute arbeiten die "Verantwortlichen" mit allen Mitteln daran, unsere Bevölkerung direkt in eine Zwei-Klassen-Medizin zu treiben.

Ich darf mich einer Bemerkung des Vorsitzenden es Obersten Sanitätsrates, Prof. Dr. Ernst Wolner, bedienen, der es alltreffend sagte: "Die Farbenlehre macht nicht gesund. Die Politik sucht Milliarden, die Kosten des Gesundheitswesens steigen und die zusätzlich benötigten Mittel sollen nicht durch höhere Beiträge, sondern durch Sparen aufgebracht werden. Solche Aussagen sind schlicht und einfach unstrukturiert, die Diskussionen werden von den Beteiligten ideologisch geführt." Und er sagt weiter: "Solange man gesund ist, sieht man alles durch die schwarze, rote, blaue oder grüne Brille. Wenn man krank ist, nützt einem die Farbenlehre nichts. Dann gibt es nur das Ziel, gesund zu werden."

Es ist längst bekannt, dass Lebenserwartung permanent steigt und noch steiler die medizinische Qualität. Es ist eine Tatsache, dass alte Menschen wesentlich mehr von diesen Leistungen benötigen und auch bekommen. Daher liegt eine stärke finanzielle Zuwendung in dieses System auf der Hand.

Sollte es nicht so sein, so müssten unsere politischen Verantwortlichen endlich den Mut haben, sich auch zur Zwei-Klassen-Medizin zu bekennen, wenn sie diese wirklich wollen." Dr. Lothar Fiedler, Präsident der NÖ Ärztekammer
Wien, 27. Februar 2003

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