"Kleine Zeitung" Kommentar: Bush als Kapitän Ahab auf der Jagd nach dem irakischen Wal" von Ernst Heinrich Ausgabe vom 24.2.2003

Graz (OTS) - In der Nato kriselt es schwer, die EU findet kaum
noch genug Kitt, um ihre außenpolitischen Fugen zu verschmieren, der UNO-Weltsicherheitsrat steht vor einer Zerreißprobe und in aller Welt demonstrieren Millionen gegen den drohenden Irak-Krieg.

Doch George W. Bush bleibt unbeirrbar auf Kurs. David Ignatius, Kolumnist der "Washington Post", verglich den Präsidenten mit Kapitän Ahab, der Moby Dick, dem Wal, hasserfüllt hinterher hetzte:
"Die Jagd auf Saddam ist so intensiv geworden, dass sie fast selbstzerstörerisch anmutet; in seiner Entschlossenheit, Saddam zu stürzen, scheint Bush willens zu sein, beinahe alles zu opfern Amerikas Allianzen, seinen Wohlstand, ja sogar die Sicherheit seiner Bürger."

Was an dem bevorstehenden Krieg mehr noch irritiert als seine deprimierende Absehbarkeit, ist das Faktum, dass sich an seinem Ende ein Rudel von Fragezeichen anhäuft.Wer wird dann im Irak regieren und wie? Wer wird für Sicherheit sorgen? Wie lange werden US-Truppen dort bleiben? Werden zehntausende UN-Blauhelme in Marsch gesetzt? Wer wird die Ölvorräte verwalten?

Schon jetzt, da Saddam Hussein und sein despotisches Regime noch im Sattel sitzen, zeichnet sich eine "Balkanisierung" des Irak ab. An allen Ecken und Enden des Landes machen sich Gruppen bereit zum Machtkampf.

Irakische Kurden-Parteien, die einander noch vor kurzem blutig befehdeten, haben zwar einen Waffenstillstand geschlossen. Aber der dürfte nach Saddams Sturz nicht viel wert sein. Die türkische Regierung hat zugegeben, tausende Soldaten im Nord-Irak stationiert zu haben. Sie hat Angst vor einem souveränen Kurdenstaat und wird diesen im Notfall mit allen Mitteln zu verhindern versuchen.

Aus dem Iran sind mehrere tausend Kämpfer schiitischer Brigaden in den Nordirak eingesickert. Sie wollen von dort aus eine islamische Revolution entfachen, die schließlich den ganzen Irak in einen Gottesstaat umwandeln soll.

Dazu kommt die von Saddam Hussein gnadenlos verfolgte irakische Opposition, deren zahlreiche Parteien von den Monarchisten bis zu den Kommunisten so verfeindet sind, dass die USA ihnen nicht
einmal die Bildung einer Übergangsregierung zutrauen. Vielleicht soll so wird kolportiert zunächst gar ein US-Diplomat als oberster Verwalter diesem Tohuwabohu vorstehen.

Kapitän Bush jagt den irakischen Wal. Vermutlich wird er ihn erledigen. Aber er riskiert damit auch sein (politisches) Ende. Denn der Krieg im Irak wird schrecklich. Aber der "Frieden" danach vielleicht noch schrecklicher.****

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