"Presse"-Kommentar: "Fracksausen" im Rathaus (von Hans Werner Scheidl)

Ausgabe vom 24. Februar 2003

Wien (OTS) - Schön langsam dämmert's im Wiener Rathaus: Was man sich da mit dem Hochhausprojekt Wien-Mitte eingewirtschaftet hat, wird zur Saat des Bösen. Davon zeugt die bange Befürchtung des Wiener Tourismusdirektors, die Diskussion über die häßlichen wie pompösen Türme könnte nun doch den Fremdenverkehr beeinflussen. Negativ. Der Fremdenverkehrsdirektor ist ein treuer Parteigänger der allein regierenden Rathaus-SPÖ. Kein Krakeeler, kein Nostalgiker, kein prinzipieller Neinsager. Und er formuliert äußerst vorsichtig: Die erhitzte Diskussion, die Berichte in ausländischen Medien seien das Problem.
So kann man's natürlich auch sehen. Vielleicht aber sind es doch die Türme selbst, die dem Tourismus schaden. Und zwar massiv.
Von der Terrasse des Belvederes aus kann man sich seit ein paar Wochen vom Bau-"Fortschritt" des ersten Hochhauses überzeugen, das noch gar nicht zum Hauptprojekt gehört. Wen da nicht die kalte Wut erfaßt - dem ist wohl schon alles egal.
Die besorgten Worte des Tourismusdirektors können kaum noch etwas an dem Bauvorhaben ändern. Dazu sind die treibenden Kräfte wohl viel zu mächtig: Die seltsame Allianz reicht vom blauen Justizminister bis zu einer Tochter der noch immer rotlastigen Bank Austria, also eines "natürlichen Gegners" des Ministers.
Aber sie beweisen, daß sich Sünden der Vergangenheit sehr schnell rächen: Die Planer des Turmbaus zu Babel hatten sich mit der (damals noch rot-schwarzen) Stadtregierung im geheimen Kämmerlein geeinigt -und geglaubt, das werde schon ohne Sturm der Empörung abgehen. Man hat verniedlicht, beschwichtigt, die Bürger zum Narren gehalten. Jetzt ist guter Rat teuer. Daß man einer Stadt das Prädikat "Weltkulturerbe" entzieht - das hat es noch nie gegeben.
Wien sah sich offenbar als Pionier. Ohne die Diskussion - da hat der Tourismus-Chef schon recht - fiele diese Auszeichnung kaum ins Gewicht. Ihre Aberkennung tut das jedoch sehr wohl.
Die Verantwortlichen sitzen im Rathaus. Mit langem Gesicht. Trotz Faschings.

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