"Kleine Zeitung" Kommentar: "Keine Heilserwartungen" (von Erwin Zankel) Utl: Ausgabe vom 23.2.2003

Graz (OTS) - Auf unterirdischen Schleichwegen muss die künftige Regierung nicht mehr zur Angelobung in die Hofburg kriechen, weil vor dem Kanzleramt die Menge tobt. Vielleicht werden sich ein paar unentwegte Demonstranten auf den Ballhausplatz verirren, um gegen die Neuauflage von Schwarz-Blau zu demonstrieren. Sonst aber wird gelangweilte Ruhe herrschen und viele werden sich fragen, warum wir vorzeitig gewählt haben.

Ganz anders war die Stimmung noch am letzten Sonntag. Da sei, schrieb der Korrespondent einer großen deutschen Zeitung, ein "Seufzer tiefen Bedauerns" durch Österreich gegangen, weil die Koalitionsverhandlungen zwischen Wolfgang Schüssel und Alexander Van der Bellen gescheitert sind.

Ob der Seufzer wirklich so tief gewesen ist, sei dahingestellt. Zu spüren war aber, wie sehr die Aussicht, dass es zu einem schwarz-grünen Bündnis kommen könnte, die Fantasie beflügelt hat. Fasziniert waren weniger die Parteistrategen, die berufsmäßig die Wählerströme beobachten, sondern die Normalverbraucher, die plötzlich die Sonne über dem politischen Jammertal aufgehen sahen.

An das Gelingen des schwarz-grünen Projekts wurden beinahe religiöse Heilserwartungen geknüpft. Schüssel könnte den Makel des demokratischen Sündenfalls abwaschen, den er durch seinen Pakt mit Jörg Haider auf sich geladen hat. Europa werde ihn mit offenen Armen aufnehmen und als mutigen Pionier preisen, der mit dem Bündnis von Konservativen und Grünen Neuland beschritten hat.

Österreich wird zwar nicht das Paradies, doch der sichere Hafen für alle Flüchtlinge, die künftig keinen Schikanen mehr ausgesetzt sein werden. Jeder könne auf seine Fasson selig werden, ob allein oder verheiratet, schwul oder lesbisch. Die bedrohte Umwelt wird gerettet, die Transitlawine eingedämmt. Statt Arbeit wird Energie besteuert. Ja selbst die Armut wird ausgerottet, weil jeder eine Grundsicherung erhält.

Der Traum von der neuen, schönen Welt ist geplatzt. Nicht weil die Ideale falsch wären, sondern weil die Realität ignoriert wurde. Möglicherweise hat Schüssel mit den Grünen nur ein taktisches Spiel vorgehabt, doch traf sein Hinweis zu, dass man sich über die Fundamente, auf denen das gemeinsame Haus errichtet hätte werden sollen, nicht einig war. Die Mühen der Ebene sind beschwerlich, die Sparzwänge lassen keine Höhenflüge zu.

Von der Fortsetzung der schwarz-blauen Koalition erwartet sich niemand ein Wunder. Der vom Wähler gestärkte Kanzler mit der FPÖ als bloße Mehrheitsbeschafferin muss zeigen, was er kann. Es ist genug unerledigt geblieben. ****

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