"Kleine Zeitung" Kommentar: "Da capo ohne Bonus: Schwarz-Blau ist zum Erfolg verdammt" (von Hubert Patterer)

Ausgabe vom 22.02.2003

Graz (OTS) - Da kehrt jemand mit bangem Lächeln zum Partner zurück, mit dem er einst brach. Im Kino rührt so etwas das Herz, aber Sentimentalität ist so ziemlich das Letzte, was man diesem lustlosen Da capo von Schwarz-Blau nachsagen kann. Nichts Furchterregendes hat die Paarung, aber furchtbar öd kommt sie daher.

Diese politische Wiedervermählung wird ein freudloses, emotionsloses Ereignis. Niemand wird Confetti streuen und niemand auf die Straße gehen. Vor drei Jahren haftete dieser Beziehung noch das Odium des Ruchlosen und Verfemten an, aber vom Eros des Verfolgtseins kann das Paar nicht mehr zehren. Keine patriotische Woge, die die beiden trägt.

Eine Frage vermochten sie nicht aufzulösen, sie bleibt als Hypothek:
Wozu der ganze Affenzirkus mit Scheidungsgetöse, Neuwahldonner und Sondierungsorgie, wenn am Ende alles beim Alten bleibt? Ein Journalist dieser Zeitung hat Donnerstagabend nach dem Parteivorstand die Frage an Wolfgang Schüssel weitergereicht: Was denn heute anders sei als damals? Der Kanzler war ungehalten über die Unbotmäßigkeit und sagte: "Schauen Sie sich jetzt das Parlament an, dann wissen Sie es." Die VP-Vorderen, die den Kanzler flankierten, lachten auf. Mag sein, dass es ein flotter Sager war, aber er war entlarvend. Mit Verlaub: Wie kommt der Stimmbürger dazu, sich für die Machtmehrung einer Partei instrumentalisieren zu lassen?

Vor drei Jahren geboten es Augenmaß und Fairness, die angefeindete Koalition gegen den törichten Vorwurf faschistischen Wiedergängertums argumentativ in Schutz zu nehmen. Doch diese Bonusmeilen sind aufgebraucht, jetzt muss sich Schwarz-Blau ohne Schutzbekleidung in die freie Lichtung stellen. Die Regierung wird unter verschärfter Observanz stehen, sie kann auf keine Verzeihensbereitschaft mehr hoffen, weder in der öffentlichen noch in der veröffentlichten Meinung; zero tolerance, würden die Amerikaner sagen.

Man kann es auch pathetisch formulieren: ÖVP und FPÖ sind zum Erfolg verdammt. Ein abermaliges Scheitern hätte für beide Partner fatale Folgen: Die FPÖ wäre bei der nächsten Tollerei auf Augenhöhe mit der KPÖ und die ÖVP verlöre die Position der Nummer eins. Sie übernimmt, da sie an einer furios abgewählten Partei festhält, die volle Risikoabdeckung für Schwarz-Blau II nicht nur gegenüber dem Wähler, auch gegenüber den internen Skeptikern. Dieser tägliche Blick in den Abgrund wird so paradox es klingt der größte stabilisierende Faktor dieses Bündnisses sein. Wenn auch der einzige. ****

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