"Sonntags Rundschau" Kommentar Josef Ertl: Der zweite Tabubruch

LINZ (OTS) - Den Grünen schlägt die Stunde der Wahrheit. Verstehen sie sich primär als Oppositionsbewegung oder als Partei, die in der Lage ist, Staatsverantwortung zu übernehmen?
Sind sie Gesinnungsethiker, denen die Reinheit der Ideale über alles geht, oder Verantwortungsethiker, die mit der Realität Kompromisse schließen können?

Die zweite Kernfrage, mit der die Grünen konfrontiert sind, ist die ideologische Ausrichtung: Sind sie eine Linkspartei, für die nur die SPÖ als Koalitionspartner existiert, oder sind sie auch für die Bürgerlichen offen? In der Opposition konnten sie ihre Meinungsverschiedenheiten in diesen Punkten übertünchen. Doch nun, wo sie die Chance haben, an die Schalthebeln der Macht zu gelangen, werden die Risse deutlich.

Nach der Koalition mit der FPÖ dürfte es Wolfgang Schüssel mit einer schwarz-grünen Regierung gelingen, einen weiteren Tabubruch in der Zweiten Republik zu begehen. Neuerlich erhebt sich die Frage, wie lange eine derart ungewöhnliche Ehe halten kann? Selbst Schüssel kann sie nicht beantworten. Er setzt auf strategische Vorteile. SPÖ und FPÖ werden die nächsten Wahlgänge verlieren, ihre Krisen sich vertiefen. Verlassen die Grünen die Koalition, halten sie den Schwarzen Peter in der Hand.

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