"Die Presse" Leitartikel: "Krieg und Frieden" (von Andreas Unterberger)

Ausgabe vom 15.2.2003

Wien (OTS) - Beneidenswert, wer ein eindeutiges Urteil hat, ob ein Krieg gegen den Irak legitim ist oder nicht. Weniger beneidenswert freilich, wenn dabei Fehlinformationen, Heucheleien und Einseitigkeiten übersehen werden.
Einseitig argumentieren etwa viele Friedensdemonstranten (wenn sie überhaupt argumentieren): So verständlich die Ablehnung von Bomben, Tod und Zerstörung ist, so unglaubwürdig ist es, wenn dabei nicht die Hauptkritik gegen den brutalen Diktator Saddam Hussein gerichtet wird. Er hat Hunderttausende Menschenleben auf dem Gewissen.
Irrtum ist auch, daß man einen Krieg verhindert, wenn man laut dagegen demonstriert. Gerade dieser Krieg wäre durch martialisches Auftreten der ganzen Weltöffentlichkeit, insbesondere der Mitglieder des Sicherheitsrates, insbesonders des Westens verhinderbar (gewesen): Könnte Saddam nicht bis heute hoffen, daß die Uneinigkeit ein Zuschlagen verhindert, wäre die Chance größer, daß er freiwillig abrüstet oder abtritt.
Die USA wiederum ignorieren die Peinlichkeit, daß sie einst selbst Saddam aufgerüstet haben, daß sie unter Clinton dem irakischen Katz-und-Maus-Spiel mit den UN-Inspektoren relativ gelassen zugeschaut haben. Umgekehrt haben gerade jene, die nun so auf die Autorität der UNO pochen, sich um diese Autorität einen Dreck gekümmert, als Saddam zehn Jahre lang die UNO verhöhnt hat (etwa als er erst am gestrigen Freitag die Produktion von Massenvernichtungswaffen verboten hat!).
Arge Heuchelei findet man allerorten. George Bush spekuliert damit, daß amerikanischer Patriotismus ein starker Antrieb für seine Wiederwahl sein könnte. Auch Gerhard Schröder spielt die Friedenskarte nur wegen der Wähler aus. Bei Briten wie Franzosen wälzen sich Medien wie Politiker begeistert im chauvinistischen Schlamm, mit dem sie auf ihre "Verbündeten" werfen. Frankreich hat seit Jahrzehnten ein einziges Prinzip: nämlich gegen die Amerikaner zu intrigieren, wo es nur geht (so wie die so katholischen französischen Könige immer dann die Habsburger bekriegt haben, wenn diese von den Türken bedroht worden sind). Und wenn die Russen mit ihren von Tschetschenenblut triefenden Händen oder die Chinesen mit ihrer Erpressung gegen Taiwan und ihrer Unterdrückung von Tibetanern oder Uiguren Hüter von Friede, Recht und Ordnung sein sollen, dann wird vielen übel. Auch der scheinbare Kompromiß - die Inspektionen noch um etliche Monate zu verlängern - ist keiner. Nicht nur, weil es in der Wüste bald zu warm zum Kämpfen sein wird und der enorm mühsame Truppenaufbau der Amerikaner nicht jeden Winter wiederholt werden kann, um Saddam wieder zu einigen Millimeter-Konzessionen zu bewegen. Sondern vor allem, weil die Suche nach chemischen und biologischen Waffen ohne aktive Kooperation Iraks völlig aussichtslos ist, wie auch die UN-Rede von Hans Blix bestätigt. Ihren wichtigsten Fund nach Jahren der Suche haben die UN-Inspektoren einst nur deshalb gemacht, weil ein Schwiegersohn Saddams einige Verstecke verraten hat.
Auch das stärkste Argument der Amerikaner hinkt. Es lautet: "Soll man wie bei Hitler tatenlos zusehen, solange man den Schaden noch klein halten kann?" Das klingt überzeugend. Nur: Wer ist ein neuer Hitler? Ist das jeder, der von irgendwem so bezeichnet wird? Ist Saddam einer? Vieles macht vor dem Diktator grauen. Manche Aspekte ließen aber auch die Hoffnung keimen, daß er mit den bisherigen halbherzigen Strategien dauerhaft auf das Ausmaß eines kleinen Diktators ohne allzu große Bedrohung für die Umwelt reduziert werden könnte.
Die einzige sichere Antwort darauf liegt aber weit in der Zukunft. Die Politik muß jedoch sehr bald entscheiden. Und kann das Risiko nicht vermeiden, kräftig zu irren.

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