Tischrede von Bundespräsident Dr.Thomas Klestil anlässlich des Abendessens zu Ehren S.E. des Apostolischen Nuntius in Österreich, Erzbischof Dr. Georg Zur, am Donnerstag, dem 13. Februar 2003

Wien (OTS) - Eminenz!
Exzellenzen!
Meine Damen und Herren!
Vor allem aber: Hochwürdigster Herr Apostolischer Nuntius!

In Österreich ist es eine alte und gute Tradition, dass der Apostolische Nuntius gleichzeitig auch die Funktion des Doyens des diplomatischen Corps innehat. Zur kirchlichen Würde und zur diplomatischen Aufgabe kommt also noch eine besondere Verantwortung gegenüber den Repräsentanten der Staatengemeinschaft hinzu. Dieser Umstand hängt damit zusammen, dass die Beziehung zwischen Kirche und Staat in früheren Jahrhunderten besonders intensiv gewesen ist. Und das mit gutem Grund: Damals wie heute geht es beiden Institutionen -der geistlichen wie der weltlichen - um den Menschen. Und weit davon entfernt, dass es der Kirche nur um das Seelenheil, dem Staat aber nur um das physische Wohlergehen ginge, steht für beide der ganze Mensch im Zentrum der Bemühungen. Was also liegt näher, als dass diese beiden, für das Leben so vieler Millionen bestimmenden Bereiche den freundschaftlichen Dialog zu Fragen der Zeit suchen.

In diesem Zusammenhang sehe ich auch unser heutiges Beisammensein, zu dem ich Sie alle herzlich hier in der Hofburg willkommen heißen möchte. Und ich freue mich, dass Sie so zahlreich meiner Einladung Folge geleistet, und sich hier zu diesem Abendessen mit meiner Frau und mir eingefunden haben.

Dieser schöne Anlass bietet mir auch erneut Gelegenheit, Sie, Exzellenz, in Österreich willkommen zu heißen. Sie werden sich in den vergangenen Wochen ja schon einen ersten Eindruck von unserer Heimat verschafft, und daher auch bemerkt haben, welch hoher Stellenwert in Österreich dem Wort des Heiligen Vaters beigemessen wird. Er, der seit nunmehr 25 Jahren für die Menschen in aller Welt nicht nur betet, sondern auch Fürsprache bei politischen Entscheidungsträgern einlegt, kann uns als Vorbild dienen, wenn es gilt, couragiert und ohne Furcht für Freiheit und Frieden einzutreten.

Österreich weiß sich eins mit dem Heiligen Vater, wenn es betont, dass alle Bemühungen für eine friedliche Konfliktbeilegung im Irak unternommen werden müssen. Wünschenswert ist eine solche Haltung freilich auch im gesamteuropäischen Kontext. Das jahrhunderte lange Ringen Europas um Frieden und Freiheit, um Humanismus und Solidarität sollte ein Auftrag sein, mit einer Stimme zu sprechen, um der Stimme des Friedens und der Freiheit jenes Gewicht zu geben, das sie im Konzert der Staaten benötigt, um gehört zu werden.

Die Menschen im Irak haben es ebenso wenig verdient, dass ihr Land in Schutt und Asche gelegt wird, wie dass sie in Unfreiheit leben und unter einer Diktatur zu leiden haben. Die Aufgabe unserer Politik muss sein, sich dieser Enge zwischen Scylla und Charybdis zu entwinden und eine echte Chance für das irakische Volk zu schaffen.

Erst unlängst, bei meinem Gespräch mit dem Erzbischof von Basra, konnte ich mir in einem sehr offenen und freundschaftlichen Gespräch einen Einblick in die Situation der Menschen im Irak verschaffen. Diese für Europa so wichtige, ja grundlegende Kultur darf uns allen auf keinen Fall gleichgültig sein. Ich sehe in diesem Zusammenhang auch den Besuch des irakischen Außenministers am Grab des Heiligen Franziskus als Zeichen der Zusammengehörigkeit von Orient und Okzident, ganz im Sinne von Goethes West-östlichem Diwan, wo die berühmten Zeilen geschrieben stehen:

„Gottes ist der Orient!
Gottes ist der Okzident!
Nord und südliches Gelände
Ruht in seiner Frieden Hände.“

Meine Damen und Herren!

Angesichts der gegenwärtigen Lage in der Welt glaube ich, dass alle Menschen, die guten Willens sind, zusammen halten müssen. Dass Sie, hochwürdigster Herr Apostolischer Nuntius, ähnlich denken, konnte ich Ihren Worten beim Neujahrsempfang für das Diplomatische Corps entnehmen.

Ich möchte Sie auch ersuchen, seiner Heiligkeit Johannes Paul II die besten Wünsche für persönliches Wohlergehen und Schaffenskraft zu übermitteln. Erlauben Sie mir, dass ich mein Glas erhebe auf den gedeihlichen Dialog zwischen Kirche und Staat in unserem Land und besonders auf Sie, Exzellenz, als Botschafter des Heiligen Stuhles in Österreich.

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