"Tiroler Tageszeitung" - Kommentar: "Emotionales Urteil" (Von Christa Hofer)

Ausgabe vom 14. Februar 2003

Innsbruck (OTS) - Eine Entscheidung, die angesichts der komplexen und emotional äußerst belastenden Situation keinen kalt lässt, fällte gestern der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg:
Er wies mit zehn gegen sieben Stimmen die Klage einer 37-jährigen Französin zurück, die wissen wollte, wer ihre leibliche Mutter ist und daher vom Staat Einsicht in ihre Geburtsakten gefordert hatte. Die Gesundheit der Frauen und ihrer Kinder bei der Geburt hat Vorrang vor dem Wissen um die eigene Herkunft, entschieden die Richter. Damit bestätigte der Gerichtshof das Recht auf anonyme Geburt, die auch in Österreich möglich ist. Die Richter verwiesen gleichzeitig auf die in diesem Fall schwer zu vereinbarenden Rechte von Mutter und Kind. Aber jeder Staat müsse den Entscheidungsspielraum haben, wie er diese Rechte mit Hilfe von Gesetzen regle.
Der Gesetzgeber hat es sich auch in Österreich nicht leicht gemacht. Es geht darum, Frauen in extremer Notlage soziale und medizinische Sicherheit anzubieten. Es soll verhindert werden, dass Frauen unter unmenschlichen und unwürdigen, oft lebensgefährlichen Situationen ihr Kind zur Welt bringen. Es soll verhindert werden, dass Neugeborene ausgesetzt oder gar getötet werden. Gleichzeitig geht es darum, mit Rahmenbedingungen rund um die anonyme Geburt den betroffenen Frauen zu helfen. Vielleicht sogar so viel Vertrauen aufzubauen, dass sie ihrem Kind eine Spur zu sich selbst hinterlassen. Ihnen aber nicht zu unterstellen, sich einfach ihres Kindes entledigen zu wollen. Einfach ist in solch einer Situation gar nichts.
Es ist traurig und tragisch genug, dass es noch immer Fälle gibt, in denen sich Frauen nicht in der Lage sehen, ihr Kind selbst aufziehen zu können. Dass sie offenbar in einem familiären und gesellschaftlichen Umfeld leben, das ihnen das unmöglich macht. Dass Kinder dafür den Preis zahlen müssen, nichts über ihre Herkunft erfahren zu können.

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