"Presse"-Kommentar: Die Transatlantik-Kluft (von Thomas Vieregge)

Ausgabe vom 10. Februar 2003

Wien (OTS) - Wer hätte gedacht, daß im Zeitalter der Globalisierung gerade die Geheimdiplomatie eine Renaissance feiern würde? Doch wo zu Zeiten Talleyrands und Metternichs mit dem Florett gefochten wurde, wo die hohe Kunst der Intrige gesponnen wurde, da wird in der Irak-Krise die Panzerfaust auf dem diplomatischen Parkett aufgefahren, um den Disput auszutragen.
Da treibt zunächst der Rums-Bums-Politiker Rumsfeld einen Keil durch die Europäer: Mit unbändiger Lust an der Provokation teilt er -in Bush-Diktion - den Kontinent in ein "neues" und "altes" Europa -sprich die "Guten" und die "Bösen": hie Blair, Aznar und Co., dort Chirac und Schröder. Und setzt danach noch einen Klotz drauf, indem er er eine skurrile Ache zwischen Havanna, Tripolis und Berlin konstruiert. Für die Deutschen avanciert er prompt zum neuen Lieblingsfeind. Daß die ihn in München, gewissermaßen in der Höhle des "Löwen", brüskieren, ist so gesehen eine Retourkutsche. Als ginge es bei der Frage Krieg oder Frieden nur darum, billige Revanchegelüste zu befriedigen. Kein Wunder, daß die Diplomatie ihre Glaubwürdigkeit verspielt.
Doch hinter diesen wenig feinen Umgangsformen verbirgt sich eine transantlantische Kluft, ein Mißtrauen gegen die Hypermacht USA. Besonders die Beziehungen zwischen Berlin und Washington sind nachhaltig gestört. Der einstige Primus, gehätschelt und hochgepäppelt, beginnt sich von seinem amerikanischen Lehrmeister zu emanzipieren. Daß sich Deutschland gerade Frankreich als Partner auserkoren hat, spricht fnicht gerade von Weitsicht. Denn die Franzosen sind geübt darin, sich eine Hintertür offen zu halten. Deutschland hingegen könnte in seinem verzweifelten Versuch, aus der im Irak-Konflikt selbstgewählten Isolation zu gelangen, stur gegen eine Wand laufen.
Bleibt noch die Frage, ob sich Saddam Hussein - wie im Geheimplan konzipiert - de facto entmachten läßt und dabei zusieht, wie die UNO im Zweistromland nach Belieben schaltet und waltet. Das Papier entspringt reinem Wunschdenken - ein Despot seines Schlags würde wohl eher zu einer letzten Schlacht aufrufen als im Palast Frühstücks-Diktator zu spielen.

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