"Kleine Zeitung"-Kommentar: "Charmante Versuchung" (Von Erwin Zankel) Utl. Ausgabe vom 9. Februar 2003

Graz (OTS) - Charmant, charmant - viel mehr ist über die
Aussicht, dass wir von einer schwarz-grünen Koalition regiert werden könnten, nicht zu sagen. Nirgendwo gibt es Erfahrungswerte, wie ein solches Bündnis zweier weltanschaulich unterschiedlicher, wenn nicht sogar gegensätzlicher Partner funktioniert.

Das Erstgeburtsrecht in Europa bedeutet wenig. Wenn nun so getan wird, als würde Österreich durch eine Regierung aus Schwarz und Grün die Avantgarde der politischen Klasse des Kontinents bilden, gehört das zum Kapitel Selbstüberschätzung. Wolfgang Schüssel wird deswegen nicht zum Sankt Wolfgang ausgerufen, weil er Alexander Van der Bellen zum Vizekanzler nimmt. Das ist den Partnern in der EU ziemlich gleichgültig.

Die Idee, Österreich müsste sich vom Sündenfall der schwarz-blauen Regierung reinwaschen, ist auch reichlich naiv. Die Sanktionen haben letztlich nur jenen geschadet, die sie verhängt haben. Schüssel hat durch den Druck des Auslands im Inland erst die Statur des Staatsmannes bekommen. Über das Schicksal ihres Landes entscheiden allein die Staatsbürger, nicht die Staatskanzleien in Berlin, Paris oder London, und folglich ist es nebensächlich, ob eine österreichische Regierung den deutschen, französischen oder englischen Politikern gefällt.

Was also treibt den sonst so kühlen Spieler Schüssel an, sich mit den bisher nie ins Spiel gekommenen Grünen einzulassen?

Vielleicht ist es der Reiz des Neuen, wenn man die Öde der Zwangsehe mit den Roten erlebt und die Unberechenbarkeit der Blauen erlitten hat. Möglicherweise lockt auch die Aussicht, sich einer Frischzellenkur zu unterziehen, indem den alten Ästen des schwarzen Baumes grüne Triebe aufgepfropft werden.

Seit dem Wahltag ist zwar bald ein Vierteljahr vergangen, aber deshalb sollte die ÖVP noch nicht zur Gewissheit gelangt sein, die am 24. November errungene Mehrheit sei auf ewig zementiert. Was denken sich die 750.000 Wähler, die von Blau zu Schwarz gewandert sind, wenn man ihre Stimmen nimmt, um mit Grün zu koalieren? Genügt es schon, den feschen Finanzminister Karl-Heinz Grasser herzuzeigen, um die ehemaligen Anbeter von Jörg Haider bei der Stange zu halten? Sollten 300.000 der ÖVP den Rücken kehren, ist bereits die SPÖ wieder die stärkste Partei.

Vor allem aber: Die von der Ideologie und Struktur natürlichen Bündnispartner der Grünen sind nicht die Schwarzen, sondern die Roten. Was hindert Van der Bellen daran, einmal zum Zünglein an der Waage geworden, beim nächsten Mal sein Gewicht auf die Schale von Alfred Gusenbauer zu legen?

Eine charmante Versuchung. Mehr wird das schwarz-grüne Techtelmechtel nach den zwei Wochen des Beschnupperns vermutlich nicht gewesen sein. ****

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