"Kleine Zeitung" Kommentar: "Die Modefarbe Schwarz-Grün: Zwischen Flirten und Flunkern" (von Hubert Patterer) Ausgabe vom 07.02.2003

Graz (OTS) - Die Braut, die sich nicht traute, hat der ÖVP, ob gleich zögerlich und mit schamhaftem Blick zur Seite, den Arm zum Handkuss ausgestreckt. Die Volkspartei hat schamfrei zugegriffen.

Das ungleiche Paar will also zwei Wochen prüfen, ob eine Regierungspartnerschaft überhaupt ein Fundament hätte oder nur auf Schwärmerei ge baut ist, die den Blick auf die ideologischen Klüfte verstellt.

Der romantische Gehalt dieser spektakulären Annäherung hat mit der Verwandtschaft der Milieus zu tun, denen die Wähler der beiden Parteien entstammen. Es ist die alte Eltern-Kind-Geschichte: Söhne und Töchter aus bürgerlichem Haus, die sich vom Weltbild der Eltern entfremdeten, ans grüne Ufer wechselten, aber in all den Jahren der Emanzipation bürgerlich geblieben sind. Jetzt, so die Parabel, böte sich durch eine schwarz-grüne Koalition die Chance zur familiären Wiedervereinigung. Ein Friedensprojekt quasi.

Natürlich: Stammbuch-Lyrik. Das Bild mag für die Wählerschichten der beiden Parteien stimmig sein die sind tatsächlich affin aber bei den Funktionärsklassen hängt es schief. Man muss die gestrige Verabredung date würden die Jungen sagen nüchtern sehen. Noch vor kurzem haben sich die bei den mit Vokabular aus dem Strafgesetzbuch begrüßt: Für die ÖVP waren die Grünen Steine werfende Anarchos mit Marx im Hosensack. Und die Grünen hielten der ÖVP den Pakt mit dem Teufel vor und ziehen sie drei Jahre lang der faschistischen Komplizenschaft. Und jetzt der Bund fürs Leben?

Eine Verabredung. Nicht mehr. Bei den Grünen riecht man die angezogene Handbremse und bei der ÖVP ist die Grenze zwischen Flirten und Flunkern habituell fließend. Sie bitten die Grünen auf die Bühne. Man könnte auch sagen: Sie führen sie vor, um sie hernach von der Kante zu stoßen.

Und dennoch: Van der Bellen hat vorzüglich mitgepokert. Er hat die SPÖ überdribbelt und ist im Endspiel. Was immer aus den Verhandlungen wird: Er hat seine Partei als regierungsfähige Partei positioniert, die nicht mehr als Mündel am Rockzipfel der SPÖ hängt.

Ein Wagnis wäre ein Bündnis für beide, aber ein verführerisches. Chancen und Risken hielten sich die Waage. Das Risiko heißt Knittelfeld und liegt diesmal in Wien. Die Chancen: Beide könnten reputativ voneinander profitieren. Die ÖVP, früher ein Ü-50-Klub, könnte mit Hilfe des jungen Partners die neu gewonnenen jungen Wählerschichten binden und die Grünen bekämen Nachhilfe in politischem Sachverstand.

Kurz: Der ÖVP bekäme das Jüngerwerden gut, den Grünen das Erwachsenwerden. ****

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