"Vorarlberger Nachrichten" Kommentar: "Spaltpilz" (von Kurt Horwitz)

Ausgabe vom 06.02.2002

Wien (OTS) - Das langwierige Taktieren von Bundeskanzler Schüssel zerrt nicht nur an den Nerven des Herrn Bundespräsidenten. In allen Parteien wachsen Frust und Nervosität - ausgenommen vielleicht die Freiheitlichen, bei denen eine Steigerung nach den diversen Wahldebakeln kaum mehr möglich erscheint.

Wolfgang Schüssel selbst hat sich eine Eintragung ins Buch der Rekorde verdient. Seine Versuche, mit ausgiebigen, von diversen Auftritten bei Skirennen unterbrochenen Sondierungen die politischen Gegner schon vor dem Beginn der eigentlichen Koalitionsverhandlungen zu zermürben und zu spalten, sind einsame Spitze. Partner für eine vertrauensvolle Zusammenarbeit gewinnt man damit allerdings nur schwer.

Die Grünen haben gestern zwar zögerlich und zweifelnd "ja" zu weiteren Gesprächen mit der ÖVP gesagt, ein Bekenntnis zu echten Verhandlungen oder gar zu einer schwarz-grünen Koalition war das aber noch lange keines. Nicht einmal im entferntesten zu erkennen ist die von Wirtschaftskammerpräsident Christoph Leitl eben erst eingeforderte "innere Freude" an einer Zusammenarbeit.

Mehr Frust als Lust prägt nicht nur das schwarz-rote Verhältnis, sondern auch die innere Befindlichkeit der Grünen. Sollte es im Zuge der weiteren Verhandlungen SPÖ oder Grüne politisch "zerreißen", dürfte auch die jetzige VP-Spitze nicht ungeschoren davonkommen. Schon formieren sich im zweiten Glied die Skeptiker zu neuen Allianzen. Der Frust frisst sich wie ein Spaltpilz durch alle Parteien auch durch die siegreiche ÖVP.

Rückfragen & Kontakt:

Vorarlberger Nachrichten
Chefredaktion
Tel.: 0676-88501382

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PVN0001