"Tiroler Tageszeitung" - Kommentar: "Im Krebsgang" (Von Michael Sprenger)

Ausgabe vom 6. Februar 2003

Innsbruck (OTS) - Was wollen die Grünen? Seit der Wahl, welche für sie nicht das erhoffte Ergebnis einer rot-grünen Mehrheit brachte, befinden sie sich im Krebsgang durch die Innenpolitik. Zuerst wichen sie vor den Gefahren der Macht zurück, um dann, als sich keiner mehr so richtig um sie kümmern wollte, sich wieder zu Wort zu melden, weil sie nun doch wieder gerne sondieren möchten. Die ÖVP erhörte mit Freude die Bitte. Erhöht es doch den Reiz der strategischen Möglichkeit beim Bilden einer Regierung. Tags darauf waren die Grünen schon zur Stelle. Das Lob vom Kanzler war ihnen gewiss.
Doch kaum wurden die Grünen in die Nähe der Macht vorgelassen, verspürte allen voran Alexander Van der Bellen schon den Willen des politischen Gestaltens und setzt damit die Einheit der Partei aufs Spiel. Lieber Vizekanzler als Oppositionsbank oder wie es Van der Bellen sagte: Lieber 30 Prozent des grünen Programms in einer Regierung verwirklichen als fünf Prozent von der Opposition aus. Doch was diese 30 Prozent sein könnten, bleibt noch verborgen.
Kaum war Schwarz-Grün nicht mehr bloße Theorie, merkten die Grünen, dass Politik kein Spiel ist. War es Naivität, mit der die Grünen nun von der Dynamik der Ereignisse überrascht worden sind? Vieles deutet darauf hin.
Insoferne passt es zum Erscheinungsbild der Grünen, dass zeitgleich gewichtige Kreise versuchen, sich aus der Umklammerung des Charmes der bürgerlichen Mehrheit zu befreien und auf der anderen Seite Koalitionsverhandlungen angestrebt werden. Doch mit diesem Kurs riskieren die Grünen viel. Dabei steht die Koalition nicht an oberster Stelle. Es geht vor allem um Glaubwürdigkeit. Die sich radikal widersprechenden Wortmeldungen der vergangenen Monate geben jedenfalls dazu Anlass, dass auch in punkto politischer Wahrhaftigkeit die Grünen längst auf dem Weg zu einer normalen Partei sind.

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