"Die Presse"-Kommentar: "Ein starker Auftritt" von Andreas Unterberger

Ausgabe vom 6.2.2003

Wien (OTS) - Colin Powell hat der Welt viele starke Beweise gegen den Irak geliefert, aber nicht "den" Beweis. Jedoch: Wieviele "Smoking guns" hat das Ausland bis 1945 zum Beweis von deutschen Vernichtungslagern gehabt?
Wer bisher lieber den mehrfach der Lüge überführten Irakern glauben wollte, der wird auch jetzt nicht den vielen amerikanischen Photos, Tonbändern und Agenten-Berichten glauben.
Wer aber dem amerikanischen Außenminister offen zugehört hat, der muß überzeugt sein: Gegen Saddams Verheimlichungstaktik haben die internationalen Inspektoren nicht die geringste Chance. Wenn man Saddam noch irgendeine Chance geben will, dann gibt es nur noch eine:
Er muß binnen einer Woche alle von den Inspektoren gewünschten Wissenschaftler (samt Familie) zur Befragung in ein neutrales Land lassen.
Der Hauptbeweis gegen Saddam liegt aber gar nicht in einer Rede des US-Ministers, sondern in der breiten Blutspur, die er seit Jahrzehnten zieht. Er ist der einzige Staat, der im letzten halben Jahrhundert zwei klassische Eroberungskriege geführt hat; er hat Zehntausende, wahrscheinlich Hunderttausende Oppositionelle massakriert; und er hat nachweislich chemische und bakteriologische Waffen besessen. Deren Vernichtung hat er und nicht Amerika nachzuweisen.
Das heißt nun nicht, daß das wachsende Unbehagen über Amerikas Weltpolizistenrolle unberechtigt wäre. Die Präpotenz, mit der Amerika seine eigenen Interessen weltweit durchzusetzen versucht, widert heute bei allen historischen Verdiensten Amerikas immer mehr Menschen nicht nur in der islamischen Welt, sondern auch in Europa an.
Und dennoch: Die Welt wäre viel schlechter bestellt, gäbe es keinen solchen Weltpolizisten. Unter allen Weltpolizisten der Geschichte seit dem Römischen Reich sind die USA auch noch immer einer der besten. Das stärkste Argument, warum man sich trotz aller Zweifel heute nur noch einen Sieg Amerikas wünschen kann: Man stelle sich eine Welt vor, in der ein Saddam Hussein am Ende als Sieger aus dieser Konfrontation hervorgeht. Da ist noch immer jede texanische Sheriff-Mentalität besser.

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