"Die Presse" Kommentar: Nordkorea-Krise als Chance (von Hans Kronspiess)

Ausgabe vom 5.2.2003

Wien (OTS) - Nun also doch. Nun denken die USA also endlich doch daran, auch auf Nordkorea militärischen Druck auszuüben und Truppenverbände in die Pazifik-Region zu verlegen. Lange hat das gedauert - und Washington den Vorwurf eingebracht, es messe auf der "Achse des Bösen" mit zweierlei Maß.
Die jetzige Kehrtwende der USA mag durchaus aus Berechnung erfolgen. Weil an der Irak-Front vielleicht zu forsch vorgegangen worden ist, sollen jetzt an der Nordkorea-Front internationale Sympathien wieder zurückgeholt werden, sprich: der Beweis für eine "Gleichbehandlung" durch Washington erbracht werden.
Weil aus Berechnung erfolgt, wird wohl auch der jetzige militärische Druck der USA auf Kim Jong Ils kommunistisches Reich wieder Kritik ernten. Zurecht?
Es ist eine Illusion - speziell eine europäische - das Thema Nordkorea eher als exotische Posse denn als internationales Drama zu betrachten. Der Irrtum könnte größer kaum sein. Gleichgültig ob Pjöngjang schon einen atomaren Sprengsatz hat oder nicht: Nordkorea ist weitaus stärker als der Irak. In Südkorea liegen 37.000 GIs in Kims Reichweite und China, Japan, Rußland, Südkorea und Taiwan sind bedroht. Diese Länder haben entweder bereits Atomwaffen, oder sie haben ein fortgeschrittenes Nuklearprogramm auf Druck Washingtons abgebrochen.
Nordkoreas autistischer Führer Kim Jong Il hat das Versprechen der Nichtweiterverbreitung von Atomwaffen gebrochen, das er 1994 den USA, Japan und Südkorea gegeben hat. Er hat mit dem Geständnis, nach Abgabe dieses Versprechens ein geheimes Atomwaffenprogramm aufgelegt zu haben, selbst eine Erklärung geliefert, warum die USA sein Land zur "Achse des Bösen" zählen.
Mag sein, daß die jetzige Kehrtwende der USA gegenüber Nordkorea aus Berechnung erfolgte, mag sein, daß US-Präsident George W. Bush nur die Krise in der Causa Irak mildern wollte. Zumindest, was die Sicherheit Ostasiens betrifft, verdient der Versuch der USA, die Nordkorea-Krise durch Druck zu meistern, eine chinesische Interpretation: Krise und Chance haben dort dieselben Schriftzeichen.

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