"Die Presse" Kommentar:"Was kommt als nächstes?" (von Anneliese Rohrer)

Ausgabe vom 3.2.2003

Wien (OTS) - Wie in einer Zeitmaschine fühlte man sich am Samstag bei den ersten Nachrichten über den Absturz der Raumfähre "Columbia" zurückversetzt an einen grauen Novembertag 2001. Von "Angst" _ es gibt kein englisches Wort dafür _ sprachen die Amerikaner damals und davon, daß sie ihr altes, sicheres, angstfreies Leben wieder haben wollten.
Damals war ein Verkehrsflugzeug über dem New Yorker Stadtteil Queens abgestürzt, nachdem sich das ganze Land noch im Schockzustand nach den Anschlägen des 11. September befunden hatte. Heute sind die USA angespannt wegen eines Krieges gegen den Irak, wegen einer möglichen neuen Terrorwelle. Beides greift in das ganz persönliche Leben vieler Amerikaner ein. Man muß sich nur die Bilder von Soldaten, Reservisten und Nationalgardisten ansehen, die sich von ihren Frauen und Kindern verabschieden. Der Angstpegel ist hoch.
Und in diesem Moment fällt buchstäblich eine Raumfähre vom Himmel; sind wieder Tote zu beklagen; muß der Präsident wieder vor die TV Kameras treten und eine Katastrophe verkünden; müssen wieder die selbst-beruhigenden Sätze von einer "großen Nation", die auch mit dieser Tragödie fertig werden wird, verkündet werden; fragen viele Amerikaner: "Was kommt als nächstes?"
In einer solchen kollektiven Angespanntheit nützt das Wissen und der Hinweis, daß Tragödien wie die am Samstag das ganz selbstverständliche Risiko der Weltraumfahrt sind, wenig. Die Trümmer der "Columbia", die auf den Feldern von Texas und Louisiana verstreut liegen, sind den Amerikanern gewiß auch auf die Seele gefallen. Sie haben die Illusion, daß immer alles funktioniert, immer alles zum Erfolg führt, zerstört.
Und nun hat sich ein Teil ihres Stolzes sprichwörtlich in Luft aufgelöst. Das Gefühl der Unsicherheit muß sich verstärken. Schon wird darüber gerätselt, ob die Columbia-Tragödie den Willen des Präsidenten, gegen den Irak loszuschlagen, beflügelt oder behindert. Wird Bush nun einen Erfolg mit allen Mitteln im Krieg erzwingen wollen und können? Oder wird er auf die steigende Beunruhigung in Amerika Rücksicht nehmen (müssen)? Die nächsten Tage werden es zeigen.

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