Pilz/Langer: Anonyme Geburt und Babyklappe, Änderungen und Präzisierung notwendig

Gut gemeint ist nicht immer gut gemacht

In einer gemeinsamen Pressekonferenz von Gemeinderätin Dr. Sigrid Pilz, Gesundheitssprecherin der Wiener Grünen und Univ.Prof Dr. Martin Langer, Geburtshelfer und Psychotherapeut im AKH wurde heute eine erste Bilanz rund um die Anonyme Geburt und die Babyklappe präsentiert.

Nach Ansicht von Pilz und Langer sind Änderungen und Präzisierungen dringend notwendig.

- Die Wiener Regelung vernachlässigt die Kinderrechte: In Wien weichen die Spitäler des Krankenanstaltenverbundes in einer gewichtigen Frage vom Erlass des Justizministeriums ab. Dieser sieht vor, dass die Begründung für die unlösbare Notsituation vom Jugendamt geprüft und anerkannt werden muss. Wien hält diese Vorsichtsmaßnahme, die das Recht des Kindes auf Kenntnis seiner Herkunft sichern soll, für "überzeichnet und für in der Praxis nur schwer zu befolgen". Das Personal wird daher angewiesen, "alle Gründe, welche auch immer" zu akzeptieren. Missbrauch, Erpressung, strafbare Hintergründe, Gewalt und andere untolerierbare Motive entziehen sich dadurch möglicherweise der Thematisierung und der Bearbeitung.

- Frauen in psychischer Not werden nicht erreicht: Die "Aufklärungskampagnen" der öffentlichen Institutionen und Spitäler, mit denen die Anonyme Geburt als Ausweg aus einer Notlage beworben wird, erreicht offensichtlich nicht diejenigen Frauen, die sich in auswegloser psychischer Extremsituation befinden. Der Tod der beiden Neugeborenen in Langenlois und in Tulln in jüngster Vergangenheit ist dafür ein trauriger Beleg. In Niederösterreich bieten 21 Spitäler die Anonyme Geburt an und es wird breit über das Angebot informiert, trotzdem konnte beiden Frauen nicht geholfen werden.

- Unerwünschte Zielgruppen werden erschlossen: Die Anonyme Geburt erschließt jedoch möglicherweise eine andere, unerwünschte Zielgruppe, nämlich Frauen, die sich bei guter Beratung und Betreuung zu einer geregelten Adoption hätten entschließen können und die nach eigenen Angaben ohnehin niemals eine Weglegung oder gar Tötung erwogen hätten. Diese Frauen werden quasi in die Anonymität "abgeworben".

- Fachleute äußern Bedenken: Fachleute und Berufsverbände wie: Der deutsche Hebammenbund, die deutsche Gesellschaft für Psychosomatik in der Geburtshilfe, terre des hommes, Rechtsmediziner, Gynäkologen, Hebammen, Adoptions- und JugendwohlfahrtsexpertInnen in Österreich und im Ausland warnen vor unkritischer Implementierung der Anonymen Geburt und der Babyklappe. Für die betroffenen Kinder kann durch die lebenslange Unkenntnis der eigenen Herkunft großer psychischer Schaden erwachsen.

- Konflikte und Not brauchen gute Beratung: Konflikthafte Schwangerschaften bedürfen in erster Linie der Beratung! In der Geburtshilfe und beim Jugendamt wird diese Beratung seit Jahren hervorragend geleistet. Der Fall des Säuglings in der Linzer Babyklappe, der nach 24 Stunden zurückverlangt wurde, zeigt deutlich, dass ein unüberlegter Entschluss für alle Beteiligten schwierige Folgen bedeuten kann. Nachdrückliche Werbung für Beratung und Hilfe, statt für den vermeintlichen Ausweg Babyklappe, hätte der Mutter möglicherweise erspart, ihr Kind jetzt als "Findelkind" in den Händen der Behörde sehen zu müssen!

Von Pilz und Langer wird nunmehr gefordert:

Eine Begleitstudie soll Motive erheben.
- Die Grünen haben der Einführung der Anonymen Geburt in Wien zugestimmt. Diese Zustimmung war allerdings an die Durchführung einer Begleitstudie, die im Landtag von den Grünen auch durchgesetzt wurde, geknüpft. In dieser Studie soll erhoben werden, aus welchen Motiven die Frauen die Anonyme Geburt wählen und ob die Kinderrechte ausreichend gewahrt werden können.

- Wien muss die Kinderrechte berücksichtigen. Um das Recht des Kindes auf Kenntnis seiner Herkunft sicherzustellen, soll die Dienstanweisung in den Wiener Spitälern unverzüglich in Übereinstimmung mit dem Erlass des Justizministeriums gebracht werden! Das Jugendamt sollte folglich verpflichtend zu jeder Anonymen Geburt beigezogen werden.

- Für Beratung und Hilfe soll geworben werden
Fachkundige Beratung und Betreuung bei Schwangerschaftskonfliken bietet die beste Chance auf tragfähige Lösungen für Mutter und Kind. Diese Beratung soll intensiviert und anstelle der Anonymen Geburt mit Aufklärungskampagnen beworben werden!

- Adoption muss aufgewertet werden
Adoption ist ein geeigneter und guter Weg für Frauen, die ihre Kinder nicht selbst aufziehen können. Gesundheitspolitik sollte sich dafür einsetzen, hier einen gesellschaftlichen Umdenkungsprozess in Gang zu setzten!

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