Die acht Treuen

Von Christian Ultsch

Wien (OTS) - Die Bürger Europas sind sich weitgehend einig. Vier von fünf lehnen einen amerikanischen Angriff auf den Irak ohne ausdrückliches Mandat der UNO ab. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung der EU wäre auch dann noch dagegen, wenn der Sicherheitsrat letztlich doch grünes Licht geben sollte. Die Europäer wollen diesen Krieg nicht. Sie sehen keine Notwendigkeit, keine Rechtfertigung dafür. Auf der politischen Ebene bietet Europa jedoch ein anderes -schauerliches - Bild der Zerstrittenheit. Wie oft man sie auch sehnsüchtig beschworen hat - eine gemeinsame europäische Außenpolitik gibt es nicht. Das hat die seltsame Aktion von acht Staats- und Regierungschefs deutlich gemacht, die es für angebracht hielten, ihre Unterstützung für Amerikas martialische Gangart in Zeitungsinseraten (!) kundzutun. Wozu hatten sich am Montag die Außenminister der EU getroffen, um eine gemeinsame Irak-Linie festzulegen? Man weiß es nicht.
Die Irak-Krise hat Europa gespalten. Auf der einen Seite stehen Großbritannien, Spanien, Italien, Dänemark, Portugal sowie die künftigen EU-Mitglieder Polen, Ungarn und Tschechien. Sie haben, noch bevor die angekündigten Beweise gegen den Irak auf dem Tisch liegen, unmißverständlich zu verstehen gegeben, daß Washington auch bei fragwürdigen Abenteuern auf sie zählen kann.
Auf der anderen Seite finden sich Staaten, die sich erlauben, in einer heiklen Frage einmal anderer Meinung als die Amerikaner zu sein. Für die Zauderer hat US-Verteidigungsminister Rumsfeld das verächtliche Prädikat "altes Europa" parat. Dabei sind trotz aller populistischen Motive vielleicht gerade sie Sprachrohr für ein neues selbstbewußteres Europa, das nicht mehr alles nur nickend zur Kenntnis nimmt, was aus Übersee vorgegeben wird. Mit Anti-Amerikanismus hat das, zumal im Fall Irak, nicht viel zu tun, eher schon mit Emanzipation.
Deutschland und Frankreich, die ihre Ablehnung eines Irak-Kriegs diplomatisch ungeschickt auch öffentlich hinausposaunt hatten, nahmen die peinliche Annonce der "treuen Freunde Amerikas" nach außen hin gelassen. Sie taten recht daran. Man muß nicht jetzt alles noch schlimmer machen.

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