"Großer Präsident und demokratischer Erneuerer"

Bundespräsident Klestil würdigt das tschechische Staatsoberhaupt

Wien (OTS) - „Großer Präsident und demokratischer Erneuerer“ Bundespräsident Klestil würdigt das tschechische Staatsoberhaupt

Bundespräsident Thomas Klestil trifft heute auf der Prager Burg mit dem tschechischen Staatspräsidenten Vaclav Havel zusammen, der in wenigen Tagen aus dem Amt scheiden wird.
An dieses Gespräch schließt sich ein Mittagessen im Restaurant „Bellevue“ an, an dem neben den Präsidenten Havel und Klestil sowie deren Frauen Dagmar Havlova und Margot Klestil-Löffler auch der polnische Staatspräsident Alexander Kwasniewski mit seiner Frau Jolanta teilnimmt.
In einer Video-Botschaft, die anlässlich des Ausscheidens von Präsident Havel aus seinem Amt ausgestrahlt wird, würdigte Bundespräsident Klestil das tschechische Staatsoberhaupt mit folgenden Worten:

„Es ist nicht leicht, die richtigen Worte für etwas zu finden, das wir in der deutschen Sprache als „Abschied“ bezeichnen – weil er unweigerlich melancholische Gefühle hervorruft.
Aber Du scheidest aus Deinem Amt als großer Präsident und demokratischer Erneuerer Deines Volkes und als bedeutender Europäer; nachdem Du längst auch das Idol einer Generation bist, die 1989 im Jahr Deines ersten Amtsantrittes nach Europa aufgebrochen war und im Jahr Deines Abschieds das große Werk der Wiedervereinigung Europas miterleben kann.
Ich selbst erinnere mich lebhaft daran, wie wir vor zehn Jahren in Salzburg einen „Runden Tisch“ von vier Staatspräsidenten gebildet haben, von dem dann die regelmäßigen Konferenzen von nunmehr 17 mittel- und osteuropäischen Staatspräsidenten ausgegangen sind. Und damals – in Salzburg - hast Du vor den Fernsehkameras gesagt, „dass die Tschechen lernen müssen, manche Befürchtungen der Österreicher zu begreifen – aber auch die Österreicher versuchen müssen, die tschechischen Probleme zu verstehen“. Es waren klarsichtige und zukunftsbezogene Worte. Und Du hast hinzugefügt, „dass selbst das schwierigste Problem leichter wird, wenn der gute Wille für den Dialog da ist.“
Ich selbst bin mit keinem anderen Staatsoberhaupt so oft zusammengetroffen wie mit Dir – sowohl bei offiziellen Besuchen wie Arbeitsgesprächen, im Rahmen europäischer Ereignisse wie privater, freundschaftlicher Begegnungen, in die auch immer wieder unsere Frauen einbezogen waren. Und stets habe ich persönlichen Gewinn aus diesen Zusammentreffen bezogen.
Heute bin ich mehr denn je davon überzeugt, dass die politische Geschichte der Völker weder der Dialektik von Klassenkämpfen entspringt, noch das Objekt der Metaphysik ist oder den Gesetzen der Warenströme und Börsenkurse folgt. Vielmehr wird die Geschichte von Menschen aus Fleisch und Blut unmittelbar gestaltet - von Menschen mit Herz und Geist, mit Empfindungen und Visionen, eben von Persönlichkeiten wie Du eine bist, lieber Vaclav!

Was ich Dir für die Zukunft wünsche?
Das ist vor allem Gesundheit. Zum zweiten aber wünsche ich Dir Muße und Freude für Deine Rückkehr an den Schreibtisch des großen Schriftstellers. Und ich hoffe, dass Deine Ideale – für die Du Dein Leben lang gekämpft hast, weitergetragen werden: Menschenwürde, Freiheit, Demokratie, Gerechtigkeit und Solidarität – aber auch Liebe zu dem Land, aus dem Du hervorgegangen bist.
Im Namen des österreichischen Volkes – und auch sehr persönlich – wünsche ich Dir viel Lebensfreude und Schaffenskraft - uns allen aber die Fortsetzung des gemeinsamen Weges in ein friedliches und kraftvolles Europa!“

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