"Presse"-Kommentar: Der Sieg ist an sich nichts Schlechtes (von Michael Fleischhacker)

Ausgabe vom 28. Jänner 2003

Wien (OTS) - Siege, das wird uns Wolfgang Schüssel bestätigen, können ratlos machen. Nicht nur die Sieger, auch die Beobachter. Wir von der Redaktion zum Beispiel hatten gestern eine kleine Blattlinien-Krise zu bewältigen, ehe wir zur vorschriftsmäßigen Amtsbehandlung des Sieges von Herrn Hermann Maier beim Superriesentorlauf in dem tirolerischen Fremdenverkehrsort Kitzbühel schreiten konnten.
Das kam so: Nachdem unser Superlativexperte in die weiße Hölle von Tirol entsandt worden war, um dem Ereignis, wie man so sagt, "vor Ort" beizuwohnen, mußte zunächst die herminatorisch-terminologische Frage geklärt werden. Am Ende der Beratungen stand ein vielleicht etwas hartes, aber immerhin ein klares Ergebnis: Die Verwendung des Wortes "Herminator" wird ab sofort mit schwerem Kerker nicht unter drei Jahren geahndet (sorry, Herr Kollege, wir wollten das mit Ihnen abstimmen, aber Sie waren nicht da . . .).
Sodann war zu klären, ob der Sieger Hermann Maier als Vorbild zu gelten habe, was durch den Umstand erschwert worden ist, daß die Projektgruppe zur Klärung der Vorfrage - sind Sieger als solche Vorbilder, oder ist es nicht gerade die Niederlage, an welcher sich der Charakter eines Menschen erweist? - nicht zu einem eindeutigen Ergebnis kommen konnte.
Wir hätten gerne und mit einigem Interesse den weiteren Verlauf der Debatte verfolgt, mußten aber unglücklicherweise eine Tageszeitung produzieren, sodaß wir uns zu einer Weisung betreffend die Einschätzung der moralischen Qualität des Sieges gezwungen sahen, um den rechtzeitigen Fertigstellungstermin nicht zu gefährden. Unsere Antwort war: Der Sieg ist an sich nichts Schlechtes.
Die Frage ist, was man draus macht. Und da schien uns dann doch, daß der Skirennläufer Hermann Maier siegauswertungsmäßig derzeit die Nase ganz eindeutig vor dem Politiker Wolfgang Schüssel hat. Man muß, wenn man es mit Sieg und Niederlage schon so genau nimmt, doch klar festhalten: Mit einem Sieg den Sprung zur Weltmeisterschaft zu schaffen ist doch etwas anderes als zwei Monate nach dem Sieg noch immer nicht im Ziel zu sein.

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