"Presse"-Kommentar: Kurden im Regen (von Christian Ultsch)

Ausgabe vom 27. Jänner 2003

Wien (OTS) - Im Orchester der Mächtigen haben sie keine Stimme. Wenn im UN-Sicherheitsrat über Krieg und Frieden diskutiert und in Washington darüber entschieden wird, haben sie nichts mitzureden. Wieder einmal wird das Schicksal der Kurden, des nach mehreren Statistiken größten Volkes ohne eigenen Staat, fremdbestimmt. Wird es ihnen auch diesmal, wie schon oft in der Geschichte, übel mitspielen?

Zögernd nur haben sich Massud Barzani und Jalal Talabani, die beiden rivalisierenden Kurdenführer im Nordirak, in die amerikanischen Kriegspläne einspannen lassen. Die Kurden wissen, was es heißt, auf dem Altar der Machtpolitik geopfert zu werden. Es war noch immer so, daß sie kläglich im Stich gelassen worden sind, wenn sie den Kampf gegen ihre Unterdrücker gewagt haben.
Auch mit den Amerikanern haben sie ausgiebig schlechte Erfahrungen gesammelt. 1991 etwa, unmittelbar nach Ende des Golfkriegs, als die US-Truppen nahezu untätig zusahen, wie Saddams geschwächte Armee den Aufstand der Kurden und Schiiten niederwalzte. Bush senior wollte damals ein Auseinanderbrechen des Irak verhindern - und ließ deshalb den Despoten wüten. Erst spät, zu spät, rafften sich Amerikaner, Engländer und zunächst auch die Franzosen auf, eine Schutzzone im Nordirak (ebenso wie im schiitischen Süden) zu errichten.
Trotzdem setzen die Kurden ihre Hoffnung wieder auf die USA. Von Euphorie kann im Nordirak aber keine Rede sein. Bei vielen geht die Angst vor einem Racheakt Saddams um. Wenn der bedrängte Diktator tatsächlich noch über Massenvernichtungswaffen verfügt, dann wird er sie im Kriegsfall, so die Befürchtung, zuerst gegen die "Verräter" im Nordirak einsetzen. Wie 1988, als bei einem Giftgasangriff auf die kurdische Stadt Halabdscha mindestens 5000 Menschen elendiglich erstickten.
Doch nicht nur davor ist den Kurden bang. Syrien, der Iran und vor allem die Türkei betrachten die Vorgänge im Nordirak seit jeher mit Argusaugen. Alle drei Länder haben eine mehr oder minder große kurdische Minderheit innerhalb ihrer Grenzen. Sobald im Nordirak auch nur in Ansätzen eine Keimzelle für einen Kurdenstaat auszumachen ist, läuten in Ankara, Damaskus und Teheran die Alarmglocken.
Besonders gereizt haben zuletzt die Türken reagiert. Im imperialistischen Stil des 19. Jahrhunderts haben sie nicht nur Gebietsansprüche im Nordirak angemeldet, sondern auch offen damit gedroht, ihre Armee einmarschieren zu lassen, falls die kurdischen Autonomiebestrebungen zu weit gehen. Delikat für die USA ist dabei, daß sie bei einem Krieg gegen den Irak sowohl Türken als auch Kurden als Verbündete brauchen. Angesichts der Machtverhältnisse läßt sich jedoch leicht ausrechnen, welcher der beiden Alliierten seine Interessen letztlich besser durchsetzen wird.
Die nordirakischen Führer Barzani und Talabani haben es zuletzt denn auch peinlich vermieden, das Wort Kurdenstaat auch nur in den Mund zu nehmen. Sie streben offiziell eine föderale Struktur des Irak an. Wer aber garantiert ihnen, daß nach einem Sturz Saddams in Bagdad ein "Kurdenfreund" die Macht übernimmt? Wer schützt sie vor dem langen Arm der Türken? Ja, und wer mag ausschließen, daß nach dem Wegfall des gemeinsamen Feindes nicht wieder die unheilvollen inner-kurdischen Kämpfe losbrechen?
Momentan verwalten sich die Kurden im Nordirak wegen der Schutzzone - und nur wegen der Schutzzone - wenigstens weitgehend selbst. Wenn wieder alles schiefgeht, könnten sie nach dem Krieg schlechter dastehen als jetzt. Diesmal darf sich die internationale Gemeinschaft, zumal Washington, nicht aus der Verantwortung stehlen. Es hat schon genug kurdische Tragödien gegeben.

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