"Kleine Zeitung" Kommentar: "Der Sog löst das Pendel ab" (von Erwin Zankel)

Ausgabe vom 26.1.2003

Graz (OTS) - Siegfried Nagl, der bisher außerhalb von Graz kaum bekannt war, wird heute in der "Zeit im Bild" als strahlender Wahlsieger aus dem Fernsehschirm lachen. Der bubenhaft wirkende ÖVP-Stadtrat sollte, wenn die Meinungsforscher nicht total versagt haben, neuer Bürgermeister der steirischen Landeshauptstadt werden.

Die Zuschauer aus dem übrigen Österreich werden sich vielleicht fragen, wo das Geheimnis des Senkrechtstarters liegt. Das fragen sich auch viele seiner Landsleute an der Mur. Der demnächst vierzigjährige Nagl ist ein ruhiger, fleißiger, sachlicher Kommunalpolitiker, der die Finanzen der Stadt recht ordentlich verwaltet hat. Durch große Würfe oder mitreißende Ideen ist er nicht aufgefallen. Er hat sich durch seine Freundlichkeit hohe Sympathiewerte erworben, verfügt aber nicht über die Ausstrahlung, die man Charisma nennt.

Trotzdem wird Nagl das beste Ergebnis erzielen, das die ÖVP je bei Gemeinderatswahlen in Graz erreicht hat. Sogar eine Verdoppelung der Stimmen ist nicht ausgeschlossen. Die vor fünf Jahren auf knapp über 20 Prozent abgesackte Partei könnte auf nahe oder vielleicht über 40 Prozent aller Stimmen kommen, sofern es der ÖVP gelingt, die bei den Landtags- und bei den Nationalratswahlen gewonnenen Wähler in die Wahllokale zu bringen.

Ein bisher nicht bekanntes Phänomen zeichnet sich ab. Früher war man auf Pendelschläge gefasst, da die Wähler je nach Gelegenheit zwischen den Parteien wechselten. Jetzt scheinen sich die Wählerströme bei Nationalrats-, Landtags- und auch Gemeinderatswahlen immer in dieselbe Richtung zu bewegen. Siegfried Nagl schwimmt im Sog von Waltraud Klasnic und Wolfgang Schüssel mit.

Die Grazer SPÖ, der mit dem Ende der Ära Alfred Stingl der Verlust des Bürgermeister sessels droht, versucht im letzten Augenblick gegenzusteuern. Sie setzt auf ein erprobtes Kampfmittel vergangener Jahrzehnte, wenn sie an das Gleichgewichtsdenken appelliert: Es gebe ohne schon zu viel schwarze Macht in Österreich.

So einfarbig war die politische Landschaft tatsächlich noch nie. Der Bundespräsident, der Bundeskanzler, der Nationalratspräsident, sechs Landes hauptleute, der Bundesratspräsident, die Präsidenten der Gerichtshöfe und des Rechnungshofes, der Wirtschafts- und der Bauernkammer, der Generaldirektor der Nationalbank und des ORF
alle gehören der ÖVP an.

Warum wirkt dieses Argument nicht mehr so wie einst, als mit der Angst vor der Übermacht einer Partei Wahlen entschieden wurden? Liegt es an Thomas Klestil, der deutlich demonstriert hat, dass er mit Schüssel nicht kann und auch mit der ÖVP nicht mehr will? Oder liegt es an der endgültigen Überwindung der Nachkriegszeit, die von der Aufteilung des ganzen Landes in zwei Reichshälften geprägt war?

Die Erinnerung verblasst mit jeder nachrückenden Generation. Derzeit herrscht nicht die Sehnsucht nach Gleichgewicht, sondern das Bedürfnis nach Entscheidung. Die Wählerströme fließen in jene Richtung, wo die Kraft zur Führung ist. Statt dem Pendel wirkt der Sog. ****

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