"Tiroler Tageszeitung" - Kommentar: "Vertrauen gewinnen" (Von Claus Reitan)

Ausgabe vom 25. Jänner 2003

Innsbruck (OTS) - Der Kreis schließt sich: Zuerst haben die Global Player das Vertrauen verspielt, jetzt haben sie ein Kongressthema:
"Vertrauen schaffen". Der Titel des Weltwirtschaftsforums ist wohl auch eine Aufforderung an die 2000 hochrangigen Politiker und Manager, die an diesem Wochenende in der Schweiz die von ihnen herbeigeführten Zustände auf höchstem Niveau bejammern.
Es fehle an Welt-, Sozial- und Marktvertrauen, meinte der Schweizer Bundespräsident Pascal Couchepin zum Auftakt. Zu viele Manager hätten sich maßlos bereichert, sagte er zu den Ursachen. In der Tat: Bei einer Umfrage unter 15.000 Bürgern in 15 Ländern sprachen 40 Prozent der Befragten den Wirtschaftsführern Mißtrauen aus. Ähnliches ergab die Befragung von je 400 Meinungsführern dies- und jenseits des Atlantiks durch das Beratungsunternehmen Edelman: In Europa genießen die nicht-staatlichen Organisationen größeres Vertrauen als Wirtschaft und Politik.
Wie in den siebziger Jahren gegenüber der Politik baute sich in den neunziger Jahren gegenüber der Wirtschaft ein enormes Potenzial an Mißtrauen auf. Es sind immer die gleichen Ursachen: Übermäßige Versprechungen, nicht eingelöste Erwartungen, nicht eingehaltene Regeln und Verträge, persönliche Bereicherung, Vertuschen von Verstößen. So schleppen sich manche Politiker von Wahl zu Wahl, manche Manager von Bilanz zu Bilanz. Bis das Vertrauen verloren ist. Allerdings noch nicht in einem Ausmaß, welches Demokratie und Marktwirtschaft grundsätzlich in Frage stellt.
Dennoch sind die in Davos tagenden Politiker und Manager gut beraten, das Tagungsthema "Vertrauen schaffen" als Aufforderung an sich selbst zu verstehen. Mit einigen Ethik-Kursen, die vor wenigen Jahren in den USA zu neuer Beliebtheit kamen, wird es nicht getan sein. Das tatsächliche Verhalten in den Unternehmen und auf den Märkten muss den allgemeinen Werten und Haltungen entsprechen. Wird hier der Unterschied zu groß, zeigen dies die Konsumenten- und Menschenrechts-Organisationen in und mit Medien deutlich auf. Folgen Politik und Wirtschaft nur ihrer eigenen Systemlogik von Machterhalt und Gewinnstreben, verlieren sie Vertrauen. Und damit die Grundlage ihres Geschäfts.

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