"Die Presse"-Kommentar: "Abenteuer sind teuer" von Michael Prüller

Ausgabe vom 23.1.2003

Wien (OTS) - Keine Frage: Es hat in der Weltgeschichte Kriege gegeben, die aus Wirtschaftsinteressen geführt wurden. Oder besser gesagt: in räuberischer Absicht. Das allgemein verbreitete Vorurteil, daß "der Wirtschaft" ein Krieg nütze, ist hingegen grundfalsch. Kriege zerstören Produktivkräfte. Und sie binden Kapital an die Herstellung von nichtproduktiven, wohlfahrtsmindernden Gütern:
Granaten, Schlachtschiffe, Uniformen.
Big Business liebt den Krieg nicht, weil sich im stabilen Frieden viel bessere Geschäfte machen lassen als im Krieg. Nur Abenteurer suchen die Ausnahmesituation - und die sind zu normalen Zeiten in wohlhabenden Demokratien hoffnungslos in der Unterzahl.
Die Vorbereitungen zu einem Krieg im Irak führen uns dies wieder vor Augen: Der Ölpreis steigt und steigt - und setzt damit der ohnehin auf Sparflamme laufenden Weltwirtschaft empfindlich zu. Anleger stecken ihr Geld in Gold statt in Investitionen.
Eine Schweizer Studie beziffert die Auswirkungen eines Krieges auf das Weltwirtschaftswachstum mit einem Bremseffekt von mindestens einem halben Prozentpunkt - und erwartet bei längerer Kampfdauer gar eine ausgewachsene Depression.
Daß ein Krieg teuer ist, weiß auch die US-Regierung. Daß eine Übernahme irakischer Ölfelder durch amerikanische Konzerne viel weniger brächte, als jetzt schon durch den hohen Ölpreis der US-Wirtschaft verlorengeht, ebenfalls. Und daß der, wie es im kommunistischen Jargon einst hieß, militärisch-industrielle Komplex der USA die Macht über die Regierung übernommen hat, ist reine Verschwörungstheorie. Man sollte also annehmen, daß George W. Bush sich ausgerechnet hat, daß ein Untätigbleiben auf lange Sicht noch viel teurer wäre.
Aber wenn dies so ist: Warum hat die Welt noch immer nicht die Variablen zu Gesicht bekommen, die in den Rechnungen von Bush und Blair den Krieg als das noch gelindeste Mittel erscheinen lassen? Oder ist es tatsächlich so, daß auch die geschäftstüchtigste Großmacht der Welt nicht mehr ökonomisch denken kann, wenn sie sich einer nicht - und schon gar nicht in Zahlen - zu fassenden Gefahr gegenübersieht?

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