"Tiroler Tageszeitung" - Kommentar: "Ein Hoffnungsträger" (Von Monika Dajc)

Ausgabe vom 16. Jänner 2003

Innsbruck (OTS) - Bescheiden und mit seinem typischen
verschmitzten Lächeln nahm Vaclav Havel Abschied vom Parlament. Die Amtszeit des Dichter-Präsidenten, der eigentlich immer nur schreiben wollte, geht Anfang Februar zu Ende. Europa wird um einen herausragenden Spitzenpolitiker ärmer sein.
Die Kleinheit seines Landes war für den feinsinnigen Intellektuellen nie ein Hindernis, um Respekt und vorbehaltlose internationale Wertschätzung zu finden. Repräsentanten weit mächtigerer Staaten nahmen sich neben dem Mann, der auf beeindruckende Weise Humanismus verkörpert, oft sehr klein aus. Havel drängte sich nie nach vorne, aber es war und wird immer wichtig sein, ihm zuzuhören. Auch ganz oben an der Spitze ist der ehemalige Chemielaborant und Kulissenschieber ein Mann der Basis geblieben.
Im Auseinanderstreben der Tschechoslowakischen Republik konnte Havel den Bruch nicht verhindern. Aber der Staatschef, der aus den Kerkerzellen kommunistischer Despotie kam, hat wie kein anderer der Prager Führungspersonen nach 1989 als Europäer gehandelt, Ziele vorgegeben und den Weg seines Landes in bessere Zukunft geprägt:
Heimat in Mitteleuropa, Mitglied der EU, Europa als Kontinents des Friedens.
Die Mächtigen von einst beschimpften den Dichter und Freiheitskämpfer als Staatsfeind. Havel ließ sich vom bitteren Ende des "Prager Frühlings" nicht entmutigen, wurde zu einer der Führungspersonen der "Charta 77" und hatte in den schicksalhaften Tagen maßgeblichen Anteil an Verlauf und Erfolg der "samtenen Revolution". Damals wie heute ist der schmächtige Mann Hoffnungsträger im besten Sinn. "Angst vor der Zukunft kann genau das sein, was uns zwingt, alles dafür zu tun, damit die Zukunft besser wird", formulierte Havel 1990 bei den Salzburger Festspielen -Bilanz eines beeindruckenden Lebens, eines außergewöhnlichen Politikers.

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