IFK-Vortrag über Chicago, Wien und Berlin

Wien (OTS) - Die legendären Verbrechen in den Straßen und Gassen von Chicago waren es nicht, die seinerzeit, im späteren 19. Jahrhundert, das Interesse Wiens wie Berlins auf die bekannte amerikanische Stadt richtete. Wie der Historiker Marcus Gräser im Gespräch mit der RK ausführt, war es vor allem das rasche Wachstums Chicagos nach 1870, mitsamt dem damit einhergehenden urbanen Lebensgefühl, welches das Interesse seinerzeit hervorrief bzw. zu Neupositionierungen in "good old (mittel)europe" zwangen. Der deutsche Historiker, der noch bis Ende Jänner sein Fellowship am Wiener Institut für Kulturwissenschaften (IFK) genießt und kommenden Montag hierzu auch einen Vortrag halten wird, betont dabei die unterschiedlichen Annäherungen Wiens und Berlins angesichts des Phänomens Chicago zur Zeit der vorletzten Jahrhundertwende. Verkürzt lässt es sich so ausdrücken: Berlin sah in Chicago etwas Erstrebenswertes, in Wien erfüllte die zweitgrößte Stadt der USA eher das Stereotyp des Negativbildes.

Riesenrad: Vom belächelten "Spielzeug" zum Wiener Wahrzeichen

"Chicago, welches nach dem verheerenden Brand von 1870 wie ein Phönix aus der Asche wieder auftrat, hatte um 1900 rund 2 Millionen Einwohner. Die Stadt galt daher weithin als "die" Stadt der Gegenwart und Moderne", betont Gräser, der ab Februar wieder in Frankfurt/Main am Zentrum für Nordamerika-Forschung arbeiten wird. Interessantes Detail: Als 1893 österreichische Ingenieure zur Weltausstellung nach Chicago reisten und das dortig präsentierte Riesenrad sahen, äußerten sie sich darüber in ihren Berichten durchwegs abfällig. Vier Jahre später war das "amerikanische Spielzeug" oder das "Dollar-Rad", wie es damals bezeichnet wurde, in Wien und wurde hier im Prater zu einer Attraktion bzw. für Wien zum Wahrzeichen.

Zögerliche Rezeption als Machtverlust interpretierbar

Die skeptische bis zögerliche Einschätzung Chicagos bei Wiener bürgerlich-liberalen Intellektuellen erklärt sich Gräser nicht zuletzt durch deren Machtverlust in den 90er Jahren des 19. Jahrhunderts, als Karl Lueger und seine Christlich-Sozialen die Wiener großbürgerlich-liberale Phase beendeten. Die deutlich zurückhaltende Kommentierung der amerikanischen Stadt in der Donau-Metropole könne auch als unumkehrbarer Machtverlust der ehemaligen Stadt-Eliten interpretiert werden, so Gräser, der im Gegenzug in Berlin ein kraftvolles Fortleben dieser politischen Haltung bis 1918 feststellt. Wobei, es gab auch in Wien positive Haltungen zu Chicago hin: Etwa bei Adolf Loos, Felix Salten oder Otto Wagner fand Gräser immer wieder recht positive Einschätzungen an den seinerzeitigen Stadtentwicklungen von Chicago. In der größeren Mehrheit wurde jedoch Chicago den Berlinern "geschenkt"; man selbst baute zwischenzeitlich den museal-künstlerischen Ruf Wiens aus. Auch hier noch ein Detail: Um Wien im Unterschied zu Berlin nicht allzu "alt" aussehen zu lassen, (er)fand man im damaligen Städte-Diskurs in "Venedig" eine Stadt, die noch viel traditionalistischer agierte, als Wien.

Wien begnügte sich mit der "alten Kultur"

Nach 1918 veränderte sich die Diskurs-Ebene zwischen den drei Städten. Litten bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs amerikanische Städte, darunter auch Chicago, an Minderwertigkeitsgefühlen gegenüber europäischen Städten, drehte sich diese Wahrnehmung ab dem Ende des Weltkriegs genau um. Nun litt Berlin, das ehemalige "Spree-Chicago", wie es Walter Rathenau einst positiv und hoffnungsvoll bezeichnete, an Unterlegenheitsgefühlen und Chicago sonnte sich im Lichte städtischer Aufmerksamkeit und ökonomischer Potenz. Wien reagierte nach 1918 etwas anders: Es koppelte sich klammheimlich vom städtischen Streitgespräch zwischen Berlin und Chicago ab und investierte zusehends seine Energien in die kulturelle Visitenkarte bzw. in den Ausbau des "Roten Wiens".

o Vortrag: Imagination und Interesse: Die Chiffre "Chicago" in Wiener und Berliner Urbanitätsdebatten 1890 - 1930, gehalten von Marcus Gräser
Termin: 20. Jänner 2003
Ort: IFK (1., Reichsratstrasse 17)
Der Eintritt ist frei.

(Schluss) hch

Rückfragen & Kontakt:

PID-Rathauskorrespondenz:
http://www.wien.at/vtx/vtx-rk-xlink/
Mag. Hans-Christian Heintschel
Tel.: 4000/81 082
hch@m53.magwien.gv.at

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | NRK0002