"Kleine Zeitung" Kommentar: "Prozessbericht" (von Erwin Zankel)

Ausgabe vom 11.01.2003

Graz (OTS) - Sprache ist verräterisch. Wolfgang Schüssel hat, wie er sagte, seinem Parteivorstand einen "Prozessbericht" über den Zwischenstand der Regierungsverhandlungen vorgelegt.

Wie kommt der Bundeskanzler zu diesem Begriff?

Wollte er bloß ein wertneutrales Wort gebrauchen und den Verlauf der Parteiengespräche über die Bildung einer neuen Bundesregierung als "Prozess" bezeichnen?

Oder verwendete er das Vokabel im Sinne eines Gerichtsverfahrens, bei dem der Regierungschef die mutmaßlichen Koalitionspartner nach den Spielregeln eines Prozesses vorführen lässt?

Vermutlich fühlt sich Schüssel als Schiedsrichter, der die Vorzüge und Nachteile der Bewerber in Ruhe prüfen kann. Er diktiert die Bedingungen, zu denen Rot, Blau oder auch noch Grün in ein Bündnis eintreten dürfen.

Eine komfortable Position, vom Podest aus den Gang der Dinge zu beurteilen und vor allem deren Ausgang zu steuern.

Das ist die Frucht des Wahlsieges, der Schüssel drei Optionen aufgemacht hat. Er wird die Türen so lange offen halten, bis er das erwünschte Ergebnis erzielt hat. Wer voreilig meint, Schüssel hätte sich festgelegt, wird seine Wunder erleben. ****

Rückfragen & Kontakt:

Kleine Zeitung
Redaktionssekretariat
Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047
redaktion@kleinezeitung.at
http://www.kleinezeitung.at

OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PKZ0001