"Die Presse" Kommentar: "Die G-Mentalität" (von Andreas Unterberger)

Ausgabe vom 11.1.2003

Wien (OTS) - Kluge Angelsachsen wissen es längst; sie haben die Erkenntnis zum Sprichwort geformt: "There is no free lunch." Auch wer die Zeche nicht zahlt, ißt nicht gratis: Man zahlt, indem man sich eine langweilige Tischrede anhören muß. Man zahlt, indem der Gastgeber Dankbarkeit, Gegeneinladung, Aufträge erwartet (oder bisweilen noch mehr, etwa wenn der Eingeladene dem anderen Geschlecht angehört).
Dennoch lassen sich auch Amerikaner - noch lieber viele Österreicher - immer wieder verführen, wenn ihnen vorgegaukelt wird, es gäbe etwas gratis. Oder man könne die Bezahlung einem blöden Dritten anhängen. Jede zweite Marketing-Kampagne verwendet das G-Wort. Im Internet heißt es: "Content is free". Und die User erkennen nur sehr langsam, daß solcherart der Content langfristig nur in Werbung oder wertlosem Müll bestehen kann.
In Österreich ist das G-Wort sogar zum ideologischen Dogma erhoben worden. Alles mögliche müsse gratis sein, damit es sich die Armen leisten können. Die Universitäten etwa (daß dort auch vor den Studiengebühren fast nur Oberschichts- und Mittelstandskinder zu finden waren, wird von G-Ideologen tapfer ignoriert).
Schon am Beginn der Schulbildung kann es auf Kosten Dritter gar nicht teuer genug gratis sein: Die Bundesländer stellen jede Menge Pflichtschullehrer ein - und der Bund muß zahlen. Alle Anläufe, diese Skurrilität wirksam zu beenden, wurden von den Ländern bisher überdribbelt. Kaum einfacher war es, ihnen die Schließung wenigstens einiger ungenutzter Bezirksgerichte abzuringen. Auch hier: Der Bund zahlt, aber die Länder haben das Veto.
Im Sozialsystem muß nach Ansicht der G-Ideologen sowieso alles gratis sein: Fast jede Regierung hat neue pensionsbegründende Ansprüche dazuerfunden, ohne daß dafür Beiträge bezahlt werden müssen. Der Staat, dieses anonyme Etwas, zahlt's eh. Und zwar jedes Jahr mehr. Das österreichische Gesundheitssystem haben die G-Funktionäre sogar zum weltweit teuersten gemacht. Sie haben im Lauf der Zeit Patienten gezüchtet, die sich über Liebesentzug durch ihre Ärzte beklagen würden, wenn ihnen diese nicht möglichst viele Tests, Röntgenphotos, Überweisungen, Rezepte, Therapien, Kuren angedeihen ließen.
Ein praktischer Arzt berichtet, daß Krankenschein- und Rezeptgebühr-Befreite deutlich häufiger zur Ordination kommen, daß viele von ihnen einfach nur regelmäßig eine Gratis-Verschreibung Kamillentee wollen.
Oder: Eine Wienerin wartet nach einer Hüftoperation einige Wochen daheim auf den Rehabilitationsplatz, der ihr schließlich in einem schönen Institut in Kärnten angewiesen wird. Die Angehörigen haben schon alles für den Transport organisiert, als die Information kommt:
Das sei nicht notwendig, die Dame werde mit dem Taxi abgeholt. In der Tat: Es kommt. Leer (aus Treibach-Althofen). Zurück geht es mit einem einzigen Fahrgast. Das ist Gewerbe-statt Gesundheitsförderung.
Was den Einzelnen (scheinbar) nix kostet, ist nix wert. So hieße auf österreichisch der Satz vom Free Lunch. Der simple Hausverstand weiß es ebenso wie Studien: Es wird insgesamt viel weniger ausgegeben, wenn der, der über eine Leistung (mit)entscheidet, auch (zumindest einen Teil) zahlt. Patienten, die zum drittenmal in zwei Wochen das gleiche Röntgen machen sollen, werden eher reagieren, wenn sie das auch etwas kostet. Und ein Arzt hat eher ein schlechtes Gewissen, wenn er einen vor ihm sitzenden Patienten für Überflüssiges zahlen läßt, als wenn man alles einer fernen anonymen Kasse verrechnet. Das Bewußtsein, daß sie das alles auch jetzt schon über Steuern, über Abgaben, über Schulden selber zahlt, ist der G-Generation ja schon lange nicht mehr vermittelbar gewesen.

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