"Tiroler Tageszeitung" - Kommentar: "Eine Glaubensfrage" (Von Peter Plaikner)

Ausgabe vom 28. Dezember 2002

Innsbruck (OTS) - "Ihr Kinderlein kommet, o kommet doch all" Der Zeitpunkt fürs angeblich erste Klon-Baby entspringt kaltem Kalkül. Zu Christi Geburt: Zy-nischer lässt sich kein Termin wählen.
Die Kopierbarkeit menschlicher Exi-stenz ist nicht Machbarkeits-sondern Glaubensfrage. Es geht um unsere Vielfalt, um den Wert unverwechselbarer Individualität, um das Risiko unberechenbarer Andersartigkeit.
Das Dasein insgesamt steht auf dem Spiel. Wer sich vervielfältigen kann,wie er will, definiert Beziehungen neu - zu Geburt undTod, zu Schönheit und Krankheit, zu sich und Mitmenschen. Das Leben im Zeitalter seiner technischen Repro-duzierbarkeit entzieht sich heutigen Wertmaßstäben.
Die Bio-Ethik hat den Anschluss an die Gen-Technik zwar nicht verloren, doch die moralische Debatte und der wissenschaftliche Fortschritt sind dem gesellschaftlichen Verständnis enteilt. Die Diskussion genießt nicht jenen politischen Stellenwert, den sie aufgrund ihres existenziellen Themas haben müsste.
Dabei geht es weder um Verteufelung noch Verherrlichung, sondern Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit. Die Menschheit benötigt für ihren Fortbestand vorerst keine Duplizierung von Ichs. Diese Technik dient nur dem Ehrgeiz der Macher und dem Ego ihrer Klienten. Die entsprechende Grundlagensuche dagegen eröffnet nicht nur der Medizin völlig neue Dimensionen.
Ein Abbruch der Forschung auf diesem Gebiet ist so irreal, wie jeder verordnete Denkstopp nur scheitern kann. Doch Selbstbeschränkung in der Anwendung sollte wie in anderen Bereichen möglich sein. Sonst hätte uns allein das Wissen über Atomenergie längst vernichtet. Diese Zurückhaltung lässt sich erzwingen. Durch internationale Politik und globale Kontrolle.
Europa muss hier Vorreiter sein. Nicht im Wettbewerb um das erste Klon-Baby, sondern im Verbot solcher Schöpfungsakte. Denn sie gefährden die gesellschaftliche Grundordnung des christlichen Abend-landes, in dessen Mittelpunkt das Individuum steht.
Gegnern der Fortschrittskritiker klingt das zu sehr nach frömmelnder Eiferei. Klon-Protagonist Severino Antinori wähnt sich gar von religiösen Fundamentalisten umzingelt. Doch so lange wir die Unaustauschbarkeit des Einzelnen und kein Kollektiv verwechselbarer Originale und Kopien wollen, ist dieser Glaubenskampf zu führen.

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