"Die Presse" Leitartikel"Was heißt hier Schöpfung?" (von Michael Fleischhacker)

Ausgabe vom 28.12.2002

Wien (OTS) - Die erste Reaktion auf die angebliche oder tatsächliche Geburt des ersten Klon-Babys schwankt bei allen Befragten zwischen schlichter Ablehnung und heller Empörung: In ihrem Nein zum sogenannten "reproduktiven Klonen" sind sich von den liberalsten Forschungseuphorikern bis zu den konservativsten Pro-Life-Katholiken fast alle einig. Die Ausnahmen, die die Regel bestätigen, sind in erster Linie dort zu finden, wo man sich davon gutes Geld erwartet: bei den Babymachern, in den schmuddeligen Gefilden der internationalen Reproduktionsmedizin-Society. Die reichen bekanntlich bis nach Wien.
Schön, daß wir uns in Sachen Klon-Baby gefühlsmäßig alle einig sind. Nur: Wie lautet das präzise Argument, mit dem wir im liberalen, weltanschaulich neutralen Rechtsstaat, zu dem wir uns doch alle bekennen, diese fast logische Weiterentwicklung der Reproduktionsmedizin verbieten wollen?
Dieses Argument existiert schlicht und einfach nicht. Wir haben unter der Perspektive des liberalen Rechtsstaates bestenfalls temporäre Argumente für ein Klon-Verbot zur Hand. Das stärkste unter ihnen ist vermutlich das um ein vielfaches erhöhtes Risiko an Mißbildungen, mit dem ein solches Kind zu rechnen hätte. Das zweite gewichtige Argument, daß nämlich keinem Menschen zugemutet werden darf, in seiner genetischen Grundausstattung das Ergebnis der Vorstellungen und Wünsche eines anderen Menschen zu sein - eben "nur" die Mutter oder "nur" der Vater -, steht schon auf wackeligen Beinen. Erstens, weil man dagegen einwenden kann, daß die Möglichkeit einer "gesunden" Persönlichkeitsentfaltung wohl nicht nur von der genetischen Prädisposition abhängen kann. Zweitens, weil es den Prämissen eines postmetaphysischen Denkens, denen sich der liberale, weltanschaulich neutrale Rechtsstaat verpflichtet fühlt, nicht entspricht.
Wer "prinzipiell" gegen das reproduktive Klonen argumentieren will -und das wollen alle Gegner, weil die temporären Argumente nicht lange halten -, der argumentiert metaphysisch. Manche tun das offen - also religiös -, andere bevorzugen eine verdeckte Variante - also über den Umweg einer kantianisch inspirierten Vernunftreligion.
Fest steht: Überall dort, wo wir genauer nach den Gründen unserer Ablehnung fragen, stoßen wir auf Begriffe, die etwas mit "Schöpfung" zu tun haben, also mit der zunächst nicht argumentativ hinterlegten Überzeugung, daß der Mensch mit einer Technik wie dem Klonen seine "Befugnisse" innerhalb einer wie auch immer definierten "Schöpfungsordnung" überschreitet.
Es ist kein Zufall, daß den monotheistischen Offenbarungsreligionen auch von agnostischen Denkern wie Jürgen Habermas zugebilligt wird, in diesen Fragen - vielleicht als einzige - über ein konzises Konzept zu verfügen. Eine zeitgenössische Wirkung kann ein solches Konzept allerdings nur dann entfalten, wenn es zeitgenössisch interpretiert wird, wenn beispielsweise die christlich-jüdischen Schöpfungsmythen und Wundererzählungen in eine nachvollziehbare Beziehung zu den Erkenntnissen der modernen Wissenschaften gebracht werden.
Entmythologisierung wäre also angesagt. So lange die nicht stattfindet, befinden sich nämlich die Raelianer mit ihren Klon-Phantasien durchaus im Rahmen der biblischen Logik: Wenn Gott Eva tatsächlich aus einer Rippe Adams erschaffen hat, dann ist das reproduktive Klonen nachgerade die Grundlage der gesamten Schöpfungsordnung.
Vielleicht liegt der Schlüssel zu einer "menschlichen" Bioethik tatsächlich in der kulturellen Tradition der jüdisch-christlichen Offenbarungsreligion. Nur: Ohne eine überzeugende Übersetzung in zeitgenössische Sprache wird er nicht sperren.

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