Der Standard" Kommentar: "Unsere Ängste, ihr Elend" (von Gerhard Plott)

Ausgabe: 24.12.2002

Wien (OTS) - Vielleicht ist Weihnachten für uns satte Wohlstandsbürger die geeignete Zeit, kurz die gewohnte Nabelschau zu unterbrechen und den Blick über den Tellerrand der Ersten Welt zu heben. Unsere tiefen Ängste vor Arbeitsplatzverlust, wirtschaftlicher Rezession oder den Auflösungstendenzen des Sozialstaates sind zwar verständlich, dennoch sind unsere Probleme in ihren Auswirkungen verschwindend gering, verglichen mit dem Elend, das die Dritte Welt beherrscht. Nur böswillige Zyniker bestreiten das.

Besonders Afrika, der "schwarze Kontinent", hat eine imposante Negativliste vorzuweisen. Drei Viertel der rund 650 Millionen Afrikaner leben in nackter Armut, jedes dritte Kind ist unterernährt; 48 Staaten bringen es zusammen auf das Bruttonationalprodukt von Belgien, die Infrastruktur ist mittelalterlich
- Afrika ist der Slum der Welt, die Tendenz zeigt nach unten.

Auch vermeintlich stabile und reiche Staaten sind vor dem Chaos nicht gefeit, wie sich gerade am Beispiel Elfenbeinküste zeigt: Der Hauptproduzent von Kakaobohnen schlittert gerade in einen Bürgerkrieg; wir werden die Auswirkungen des Konflikts höchstens in höheren Schokoladepreisen mitbekommen.

Oder Kenia, das weltbekannte Touristenparadies: Die Amtszeit des korrupten Regimes von Daniel arap Moi neigt sich zwar dem Ende zu, doch niemand kann heute sagen, ob es nach den Präsidentschaftswahlen nicht zu blutigen Konflikten zwischen den einzelnen Völkern kommt, wie es sie in der Geschichte schon häufig gegeben hatte.

Dazu kommt, dass die Zahl der HIV-Infizierten und Aidskranken in Afrika geradezu explodiert, 28 Millionen Menschen sind bereits erkrankt. Das heißt natürlich nicht, dass die Afrikaner aussterben werden, im Gegenteil: Die Bevölkerung wächst weiterhin unerbittlich. Was sich ändert, ist die Zusammensetzung der afrikanischen Gesellschaft. Die Erwachsenen sterben früher, die Zahl der Kinder, die ohne Eltern aufwachsen müssen, nimmt dramatisch zu. Da diese Kinder unversorgt sind, wächst hier eine neue Generation heran, die nichts mehr zu verlieren hat, ein Reservoir an möglichen Terroristen.

Wer ist schuld an dieser Misere? Nur die als korrupt und unfähig verschrieenen Afrikaner? Oder sind es gierige Multis, Börsenhaie, dunkle Außenmächte?

Afrika, die Wiege der Menschheit, ist heute die Weltregion mit den härtesten Existenzbedingungen. Afrikas Völker wurden ausgeplündert und ausgeblutet. Europäer, Amerikaner, Araber lieferten sich einen Wettlauf um Gold, Diamanten, Rohstoffe, Elfenbein und die Ware Mensch. Die Globalisierung Afrikas, seine brutale Integration in das moderne Weltsystem, begann mit einem der größten Verbrechen der Geschichte: dem Sklavenhandel, einer bis heute blutenden Wunde im afrikanischen Herzen.

Dazu kommt, dass Afrikas eigene Eliten schmählich versagen, sie schlüpfen in die Herrenrolle der Exkolonialisten. Ihr oberstes Ziel, der Machterhalt, sichern sie durch ausgeklügelte Systeme zur Verteilung der knappen Ressourcen, die Loyalität der parasitären Staatsklassen wird gekauft. Zum Nepotismus kommen oft Korruption, Inkompetenz und Misswirtschaft auf allen Ebenen.

Was also tun? Ein wichtiger erster Schritt wäre einfach die Entwicklung eines besseren Verständnisses für afrikanische Probleme. Dann käme die Bekämpfung der verheerenden Armut, eine wirtschaftlich Hilfe zur Selbsthilfe, denn Afrika wird durch die protektionistische Politik Europas und mehr noch der USA ausgegrenzt. Entwicklungshilfe allein nach dem Muster "Brot für Afrika, aber die Wurst bleibt hier" wird zu wenig sein und sich rächen.

Irgendwann wird sonst das afrikanische Chaos in der globalisierten Welt auf uns selbst zurückfallen. Afghanistan ist ein gutes Bespiel dafür, was unserer Gesellschaft passieren kann, wenn der Westen die Augen vor der Not in der Dritten Welt verschließt. Denn Elend ist immer noch die beste Brutstätte für Fanatismus und für Terror.

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