"Tiroler Tageszeitung" - Kommentar: "Das System kippt" (Von Claus Reitan)

Innsbruck (OTS) - ensionsreform: Dahinter verbirgt sich nicht weniger als die Schicksalsfrage der Gesellschaft. Und ob die Pensionsreform gelingt, wird das Maß jeglicher Koalitionsregierung sein. Denn das System droht zu kippen.
Die Entwicklung in Wirtschaft und Gesellschaft diktiert der Politik geradezu die Notwendigkeit einer Reform von Renten und Pensionen. Die Lebenserwartung der Österreicher ist in den letzten fünfzig Jahren von 64 auf 78 gestiegen. Da das gesetzliche Pensionsantrittsalter nur geringfügig angehoben wurde, sind wir alle länger in Pension. Da zugleich die Erfordernisse und Möglichkeiten von Bildung und Ausbildung zunahmen, gehen junge Leute heute erst später in das Erwerbsleben als etwa vor fünfzig Jahren. Nach dem Motto: Nicht nach Lehre oder Matura beginnt das Berufsleben und Beitragszahlen, sondern nach Uni oder Fachhochschule. Wie soll es sich ausgehen, bei einer Lebenserwartung von achtzig Jahren nach nur 35 Jahren an Pflichtversicherung in Pension zu gehen? Da lebt jemand länger von der Leistung anderer als von der eigenen. Das untergräbt den Generationenvertrag, den Ausgleich zwischen Zahlern und Empfängern. Die Veränderung in der Bevölkerungsstruktur diktiert zugleich das enorme Tempo, unter dem Pensionsreform stattzufinden hat. Derzeit kommen auf 1000 Versicherte 619 Pensionen, ohne Änderung des Systems bis 2050 schon 862 Pensionen. Da erhält nahezu ein Aktiver einen Rentner. Auf das wenig freundliche Miteinander der Generationen können wir uns, unterbleiben Reformen, schon jetzt einstellen. Denn bereits heute entfallen in den EU-Staaten 45 Prozent der gesamten Sozialausgaben auf Leistungen wegen Alters oder an Hinterbliebene. Alleine in den Dokumentationen der Brüsseler Kommission findet sich ein halbes Dutzend aktueller Papiere zu den Pensionen in Europa. Diese sprechen auch für Österreich eine klare Sprache: "Das hohe Niveau der Aufwendungen für Renten und der zu erwartende bedeutende Anstieg der Ausgaben stellt die öffentlichen Finanzen vor erhebliche Herausforderungen."
Höflich, wie Experten sein können, begrüßen diese die angekündigten Reformabsichten der österreichischen Regierung. Wir auch.

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