"Die Presse" Kommentar "Die USA sind immer schuld" (von Andreas Schwarz)

Ausgabe vom 20.12.2002

Wien (OTS) - Es hat nicht anders kommen können: Da liefert der
Irak brav einen 12.000seitigen Bericht über sein Waffenprogramm ab, und Washingtons Reaktion lautet: "Auslassungen", "Lücken", "Mängel". Da kehrt ein gedemütigtes Regime das Innerste nach außen, läßt selbst im Schlafzimmer des Staatschefs nach Atombomben schnüffeln, und die USA sind noch immer nicht zufrieden. Was wollen sie denn noch?
Krieg natürlich! Wie immer die USA gegenwärtig in der Irak-Causa reagieren, solange sie Saddam Hussein nicht mit einem "Sorry, wir haben uns geirrt" eine weiße Weste attestieren, wird es heißen: "Die USA bereiten den Boden für einen Krieg". In Redaktionsstuben liegt dieser Satz schon auf Taste, in Diskussionszirkeln ist er Garant für zustimmendes Murmeln, und mit der Beständigkeit des Dahinsagens wird er zum Inventar eines bedrohlichen Weltbildes.
Dieses ist noch schlichter als das, das man den Amerikanern sonst gerne unterstellt. Die malen wenigstens in schwarz und weiß; das erwähnte Bild freilich sieht nur schwarz - nämlich die US-Politik und ihre Folgen.
Nun macht es die Bush-Administration ihren Kritikern schon leicht, zugegeben. Sie hat sich nach dem 11. September entschlossen, der Sicherheit der USA absolute Priorität zu geben. Und sie hat sich entschlossen, das - auch, weil auf die debattierfreudigen Partner wenig Verlaß ist - weitgehend im Alleingang zu tun. Wenn die USA nun ihre Präventivschlag-Doktrin festschreiben, wenn sie ihre vielzitierte "Lizenz zum Töten" von Top-Terrordrahtziehern kommunizieren, wenn sie ihre Raketenabwehr auf den Weg schicken, und wenn sie sich zwar in Sachen Irak des Sicherheitsrates bedienen, parallel dazu aber ihre Militärmaschinerie in Gang setzen, um parat zu sein, falls der UN-Druck versagen sollte - dann macht das skeptisch. Und dann ruft das rasch Weltuntergangs-Szenaristen auf den Plan, die pure Kriegslust wittern, weil diesen Amerikanern einfach nicht zu trauen sei.
Damit passiert aber gleichzeitig eine Fakten-Umkehr, die Staunen macht. Wenn das Terrornetzwerk der al-Qaida von Bali bis Kenia zunehmend die Welt an sogenannten "Soft targets" aus den Angeln heben will, dann wird die Bedrohung nicht dort gesehen, sondern bei der Reaktion der Amerikaner. Wenn die Fanatiker in Afghanistan wieder Fuß fassen, gilt das als Beweis für eine verfehlte US-Politik und nicht für die Gefahr, die von ihnen droht. Und wenn ein verrückter Potentat am Tigris, der mit den USA noch eine Rechnung offen hat, und von dem nur die naivsten Gutgläubigen annehmen, daß er gezähmt sei, wenn der also nach wie vor versucht auszuloten, was "reingeht", dann ist nicht er das Objekt der Kritik sondern Washington, das ausschließen will, daß etwas "reingeht".
In Wahrheit könnte man Washingtons Säbelrasseln auch nur als die Erfüllung einer simplen Wahrheit sehen: Eine Drohung hat nur dann Wirkung, wenn sie glaubwürdig ist. Das gilt umso mehr im arabischen Raum, in dem Nachgeben, Konzilianz in einem Konflikt automatisch als Zeichen lächerlicher Schwäche gewertet und ausgenutzt wird.
Wenn man davon ausgeht, daß von einem unkontrollierten Irak eine potentielle Bedrohung ausgeht (und die Vita Saddams läßt davon ausgehen), dann gilt: Die ganze Wahrheit kommt nur mit ganzer Entschlossenheit auf den Tisch. Noch sind Inspektoren im Irak, noch warten chemische Proben auf ihre Auswertung. Jetzt aufgrund eines irakischen Berichtes Entwarnung zu geben, wäre ein fataler Fehler. Und wenn sich am Ende des Tages herausstellt, daß der Irak den Auflagen entspricht? Pfui Amerika, wir haben's ja gewußt! Und wenn nicht? Wird wieder nicht der Irak, sondern werden die USA schuld sein, die ja nur darauf hingearbeitet haben. Aber die sind ja immer schuld.

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