"Tiroler Tageszeitung" - Kommentar: "Ver-clausuliert" (Von Irene Heisz)

Ausgabe vom 18. Dezember 2002

Innsbruck (OTS) - Als ich ein Kind war, sangen wir vor dem Christbaum auch "Morgen kommt der Weihnachtsmann" - obwohl den geschmückten Baum und die Geschenke das Christkind brachte. Heute heißt der Weihnachtsmann "Santa Claus", hat in den Supermärkten das Regiment übernommen und in das Bewusstsein der Kinder zumindest Einzug gehalten.
Advent und Weihnachten haben ihren besinnlichen Charakter verloren, nicht jedoch ihre Feierlichkeit. Diese hat allerdings ausgelassenere Züge angenommen, als manche es mit ihren - von der eigenen Kindheit geprägten - Vorstellungen von Weihnachten vereinbaren wollen. Die Magie, die wir verklärt erinnern, lässt sich mit dem weißbärtigen Gesellen, dessen "Ho, ho, ho"-Schlachtruf allerorten erschallt, kaum heraufbeschwören.
Zum einen hängt das mit der allgemeinen Säkularisierung unserer Gesellschaft zusammen. Zum anderen hat die Ver-Clausulierung des Weihnachtsfestes zweifellos viel mit der zumindest auf der Ebene unseres Alltagslebens ungebremsten Amerikanisierung zu tun.
Man mag beides bedauern. Und man mag, wenn man nichts Besseres zu tun hat, auch vereinsmäßig organisiert Aufkleber mit ermordeten Weihnachtsmännern unters Volk bringen. Jene, die mit derartigen halblustigen Methoden das Christkind retten wollen, meinen aber wohl eigentlich das christliche Abendland und vergessen in ihrem Eifer Entscheidendes: Das Christkind, das einen Baum und Geschenke bringt, hat mit der christlichen Idee von der Geburt Jesu ungefähr so viel zu tun wie Santa Claus, der sich durch den Kamin zwängt. Noch wichtiger jedoch ist: Es liegt in der Natur von Bräuchen und Traditionen oder, allgemein formuliert, von lebenden Kulturen, dass sie sich ständig verändern, Einflüssen von anderen Kulturen unterworfen sind und diese verinnerlichen. Das ist in sich weder gut noch schlecht, sondern lediglich unvermeidbar.

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