"Die Presse"-Kommentar: "Kriegsangst" von Anneliese Rohrer

Ausgabe vom 12.12.2002

Wien (OTS) - Als sich vor genau 15 Monaten der Himmel über New
York verfinsterte und dunkle, über und über mit Staub bedeckte Gestalten durch die Straßen von Manhattan stolperten, da setzte sich ein Gedanke fest - so muß es nach einem Nuklearschlag aussehen - und eine Frage: Bedeutet dies den Dritten Weltkrieg?
Die Bilder kommen jetzt zurück; und man kann nur hoffen, daß die Wintertage des Jahres 2002 im Rückspiegel der Geschichte nicht einmal als jener Zeitpunkt sichtbar werden, an dem der Flächenbrand, der am 11. September 2001 begann, tatsächlich die Welt erfaßt hat. Denn die Gleichzeitigkeit der jüngsten Ereignisse muß zwangsläufig die Aufmerksamkeit schlagartig erhöhen.
Am Dienstag dieser Woche gab es drei Ereignisse, die beim besten Willen und mit größtem Optimismus nicht isoliert betrachtet werden können: Zum einen veröffentlichte Washington ein bis dahin geheimes Sechs-Seiten-Papier, in dem das Recht der USA auf einen Präventivschlag gegen jeden Staat und jede Gruppe festgeschrieben wird, sollte die Gefahr des Einsatzes von Massenvernichtungswaffen gegen die USA, ihre Einrichtungen in Übersee oder gegen ihre Verbündeten drohen. Man werde mit "allen Mitteln" inklusive nuklearen reagieren.
Und nicht nur dies. Es ist dort auch das Recht des "aktiven Eingreifens" erwähnt, sollten irgendwo Waffen verbreitet werden, die für die USA, ihr Militär oder ihre Verbündeten eine Gefahr darstellen. Zum zweiten wurde just zum Zeitpunkt dieser Veröffentlichung "aktiv" auf ein Schiff aus Nordkorea zugegriffen, das Scud-Raketen in Containern mit Beton versteckt hatte. Und drittens schließlich war Washington am selben Tag, am Dienstag also, in den Verdacht geraten, die Irak-Unterlagen über Massenvernichtungswaffen manipulieren zu können, weil es sich den exklusiven Zugriff darauf gesichert hatte.
In der Zusammenschau werden alle drei Ereignisse die Ängste jener nähren, die den USA unbändigen Kriegswillen unterstellen: Das Präsidenten-Papier liefert den politischen und strategischen Rahmen für einen Schlag gegen den Irak; das Aufbringen des Schiffs am Horn von Afrika den Beweis der weltweiten Bedrohung durch Schurkenstaaten, die sich übrigens namentlich in einem Anhang zu dem Papier finden( Nordkorea, Iran, Syrien und Libyen); und die Geheimnistuerei um das Irak-Dossier die Bestätigung, daß die USA ihre ursprüngliche Position, Dossier wie Waffeninspektionen werden eine Irak-Invasion nicht abwenden, unverändert und ungeachtet der Bemühungen der UNO fixiert haben; ein Krieg also gar nicht vermieden werden soll.
Man kann diese Zusammenschau allerdings auch anders interpretieren:
Als massive Botschaft an den Irak, die Entschlossenheit der USA auch zum Einsatz von nuklear Waffen in keiner Weise zu unterschätzen. Das wäre das sogenannte best-case-scenario, die beste aller Abschreckungs-Varianten, mit der am Ende ein Krieg doch verhindert werden könnte.
Das Fatale an der jüngsten Entwicklung ist also nicht so sehr die offizielle oder geheime Strategie der Bush-Administration, sondern der Mangel an Vertrauen in ihre wahren Absichten. Mehr noch. Das Mißtrauen steigt von Tag zu Tag - und mit ihm die Angst vor einer Eigendynamik der internationalen Entwicklung, in der Washington die Geister dieser Wintertage 2002, die es rief, nicht mehr beherrschen kann.
Krieg sei manchmal ein "notwendiges Übel, aber immer ein Übel", sagte am Dienstag Ex-Präsident Jimmy Carter bei der Annahme des Friedensnobelpreises. Allein, wann ist es "notwendig"? Von der Antwort der USA muß die Welt erst überzeugt werden. Bleibt sie aus, wird dies eine Schicksalswoche gewesen sein.

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