"Kleine Zeitung"-Kommentar: "Über Nacht klein geworden" (Von Erwin Zankel)

Ausgabe vom 8. Dezember 2002

Graz (OTS) - Restrukturierung oder auch Redimensionierung nennt
man in der Wirtschaft den Prozess der Anpassung an kleinere Märkte. Ob aus dem Gesundschrumpfen wirklich wieder ein gesundes Unternehmen hervorgeht, ist keineswegs gesichert. Oft geht die Abmagerung in Schwindsucht über. Das Ende ist dann der Kollaps und der Konkurs.

Dramatisch dezimiert wurde die FPÖ. Die Partei ist in sich zusammengestürzt. Nach einer Periode des explosiven Wachstums ist die FPÖ innerhalb weniger Wochen implodiert. Am 24. November gab es einen Knall und die von Jörg Haider als Bewegung aufgebaute und in Bewegung gehaltene Partei war über Nacht auf ein Drittel ihrer bisherigen Größe geschrumpft.

Über 750.000 Wähler verloren, im Nationalrat von 52 Abgeordneten auf nur noch 18 Mandatare zurückgestutzt, in den meisten Gremien bloß mit einem Beobachter vertreten. Einen solchen Aderlass hat es in der Geschichte der Zweiten Republik noch nicht gegeben.

Wenn sich die Delegierten zum Parteitag der geschlagenen FPÖ heute in der Salzburger Messehalle versammeln, dann können sie nur noch wie Veteranen von vergangenen glorreichen Schlachten schwärmen. Es handelt sich um eine Geisterarmee, rekrutiert aus Parlamenten, in denen die Blauen die zweitstärkste oder zumindest die drittstärkste Fraktion waren. Zwei von drei Delegierten haben ihre Funktionen bereits eingebüßt oder werden sie bei der nächsten Gelegenheit räumen müssen.

Nach diesem Absturz wieder Boden unter den Füßen zu finden, ist verdammt schwer. Herbert Haupt ist um seine Aufgabe nicht zu beneiden. Er muss den kopflos gewordenen Haufen zusammen halten und verhindern, dass die ihrer Pfründe beraubten Feldwebel nach hundert Tagen des Stillhaltens wieder ins Bärental pilgern, um den verbannten General aus seinem Kärntner Exil zurück zu holen.

Das wird nur gelingen, wenn die Blauen erkennen und auch verinnerlichen, wie schwach sie geworden sind - nämlich nur noch 26.000 Stimmen stärker als die Grünen. Und sollte es tatsächlich zu einer Wiederbelebung von Schwarz-Blau kommen, dann sprechen die Kräfteverhältnisse eine deutliche Sprache: Statt 52:52 lautet das Mandatsverhältnis nun 79:18.

Mit großen Sprüchen und markigen Forderungen aufzutrumpfen, ist vorbei. Als sehr klein gewordener Koalitionspartner wird man Bescheidenheit leben müssen statt Bedingungen zu diktieren.

Eine Rolle, die Herbert Haupt auf den Leib geschneidert scheint. Das klingt wie Ironie, stellt aber eine Chance dar. Die FPÖ muss berechenbar werden, will sie von Wolfgang Schüssel nochmals in die Regierung genommen werden. Gerade durch seine Mittelmäßigkeit könnte der biedere und redliche Haupt die erforderliche Stabilität beisteuern.

Voraussetzung ist freilich, dass der heutige Parteitag nicht zur blutigen Abrechnung zwischen den Knittelfeldern und den Anti-Knittelfeldern wird. Gelingt es dem Parteiobmann nicht, die Säuberungen zu stoppen, führt die Selbstzerfleischung schnurstracks in die Opposition. Und dort wird Haupt nicht lange der Chef sein. ****

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